Zwey Scherflein zur neusten Deuschen Litteratur (1780)

Zwey Scherflein
zur neusten
Deutschen Litteratur

REM POPULI TRACTAS? - --
- - - H OU MH - - -

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1780.

I.
Die Liebe des Vaterlandes1 bezieht sich natürlicher weise auf die parties honteuses desselben, ich meine die Muttersprache und Mutterkirche. Der hohe Geschmack an des M. Tullius Cicero sämtlichen Werken kann der Autorität unserer Vulgata und der Popularität unsers christlichkatholischen Glaubens keinen Eingriff thun. Daher verdient das Nein! einer Janitscharen-Muse2 eine gnädige Nachsicht und Acquiescenz, wenn die Liebeserklärung von einem allerheiligsten Pater Abbas sich herschreibt.
Ohne Sprache hätten wir keine Vernunft, ohne Vernunft keine Religion, und ohne diese drey wesentliche Bestandtheile unserer Natur weder Geist noch Band der Gesellschaft. Nach den erhabnen transcendentalen Einsichten und inneren Lehren einer tiefsinnigen Philosophie stehen die Wahrheiten und Vorurtheile der Grammatick und Dogmatick in einer so genauen und entzückenden Harmonie mit der Politick, "daß, was auf den ersten Anblick lächerlich scheint, in den kleinsten Modificationen des allgemeinen Zusammenhanges zum Geheimnisse der Weltweisheit wird." Siehe Neue Apologie des Sokrates Theil I. S.207 - 209.i).
Nicht aus historischer Pedanterie, sondern wegen des Einflusses einer kleinen orthographischen Prädilection in das Schicksal, vielleicht einer ganzen Familie, oder gar Provinz, hat uns Sueton folgende Anekdote im Leben des Augustus aufbehalten: Orthographiam, id est, formulam rationemque scribendi à Grammaticis institutam, non adeo custodit; ac videtur eorum sequi potius opinionem, qui perinde scribendum ac loquamur, existiment. Nam quod saepe non litteras modo, sed syllabas, aut permutat aut praeterit COMMUNIS HOMINUM ERROR est. Non ego id notarem, nisi mirum videretur, tradidisse aliquos, legato eum consulari successorem dedisse, vt rudi et indocto, cuius manu IXI pro ISTI scriptum animaduerterit.
In diesem Zeugniße für das ehrwürdige Altertum des Zesianismus liegt zugleich ein herrliches Beyspiel von der Unhinlänglichkeit selbst des ersten römischen Kaysers, "von dem ein Gebot ausgieng, daß alle Welt geschäzt würde", einem einzigen communi hominum errori abzuhelfen. Gleichwol hat der unsterbliche Dichter einer deutschen Gelehrtenrepublik den platonischen Einfall gehabt, sich mit einer Darstellung solcher idealischen und abstracten Rechtschreibung zu beschäftigen, unterdessen ein berühm-ter sokratischer Pädagog sich ein Verdienst daraus macht bey dieser jüngsten Geburt des Klopstockschen Geistes Hebammenstelle vertreten zu haben; ja selbige scheint ihm so wichtig für Deutsche und Ausländer, daß er ihre Einführung, zwar nicht in die Kanzleyen, sondern in die Kinderstuben und Leseschulen durch die eben so figürliche als zweydeutige Weissagung eines Zeit-Traums zu empfehlen sucht.
Wenn aber die ganze Legende der Schlange im Paradiese und die uralte Doxa der Erbsünde auf nichts als ein hyperbolisches Misverständnis der Sinnlichkeit hinauslaufen soll, und ein allerhöchst privilegirtes Erziehungs-Project den gordischen Knoten des allegorischen Oraculs aufzulösen und zu vollziehen im stande ist: so würden alle methodische Versuche die Orthoepie und Orthographie "den Kindern (und Griechen3 und Mädchen4) leicht und angenehm", zu machen, das Wucherkraut der Sinnlichkeit eher befördern als entwurzeln.
"Wahrheit, Gründe, Überzeugung und Muth richten vielleicht nichts aus, wo nicht Verabredung, Übereinstimmung und Unterstützung der Obrigkeit mitwirken. Eine auf die vernünftigste, leichteste und sicherste Grundsätze gebaute Orthographie würde ausgezischt! werden, wenn nicht Fürsten und Obrigkeiten sie in den Schulen gründen, und in ihren Kanzleyen und Rathhäusern in Übung bringen lassen würden. Die Gelehrten allein sind hier zu unmächtig"!5 -- und dennoch baut man durch einen fast unvermeidlichen Trug der Sinnlichkeit die ganze Erlösung des menschlichen Geschlechts von jedem communi hominum errore auf neue Formeln und Figuren und Typen gelehrter und philosophischer Einsichten und ihre Ausbreitung per fas et nefas unter dem Volk. Die Gevatterschaft oder Vormundschaft des obrigkeitlichen Arms und die widerholten Appellationen und Apostrophen an Euch, Großen der Erde! haben aber eben so viel Bedenklichkeiten in Absicht der Erziehung als der Rechtschreibung, zum Behuf des Systems einer Harmoniae praestabilitae zwischen Schreiben, Reden und Denken, und zur Pflanzung eines nahe bevorstehenden Himmelreichs auf Erden durch die herrschende sokratische Philosophie.
Selbst bey der möglichsten und thunlichsten "Verbesserung offenbarer Fehler" in einer so geistigen Angelegenheit als Sprache ist, halt ich es mit der ökonomischen Klugheit, Toleranz und Enthaltsamkeit des Hausvaters im Evangelio, nicht zu vorläufig und übereilend, sondern zaudernd sich zu zauen6 in Ausgätung des Wucherkrauts und es aufschiessen zu lassen bis zur Erndte - "Denn es müssen aufhören die Weissagungen und aufhören die Sprachen, und das Erkenntniß wird auch aufhören, und wegen überhand nehmender Ungerechtigkeit wird die Liebe des Vaterlandes erkalten": weil summum ius und summa iniuria, wie Licht und Schatten, unzertrennliche Zeitverwandten der sinnlichen Unterwelt sind; hingegen Gerechtigkeit ohne Ansehen der Person und ihrer Physiognomie ein Regale des jüngsten Richters, der die gläubigen, gedultigen und heiligen Liebhaber Seiner, - wiewol vergangenen, und künftigen Erscheinung, dennoch - vom Anfange bis ans Ende der Tage - unsichtbaren Gegenwart7, - mit reiner und schöner Seide anthun, aber alle poetische Illusionen und politische Usurpationen der apokalyptischen Bestie,des Lügenpropheten und der babylonischen Mutter-Jungfer ans Licht bringen und zu Nicht, zu Nicht, zu Nicht! machen wird - durch das pneuma Seines Mundes!
Durch anhaltende Bemühungen, "dem Unbestimmten Festigkeit zu geben und das Überflüssige (rein abe:,:) zu schneiden" artet alle Freyheit zum Mechanismus aus; der Leichnam wird verwandelt zum Skelett und das Salz der Erde zum Todtenkopf. Nichts widerspricht mehr der Natur und dem Fortgange der Sprachen, als jüdische oder chinesische8 Pünktlichkeit, monachischer Laconismus, Cyclopismus und Evnuchismus. - Vtinam abscindantur! Gal. V. 12.
Jemehr nun die poetische Darstellung einer Otographie dem Ideal der deutschen Gelehrtenrepublik entspricht; desto unbrauchbarer wird sie als Werkzeug zum ersten Geschäfte des Buchstabenspiels, falls man es nicht zum Matricul des dortigen Bürgerrechts wandeln wollte. Das große Chasma der Veste im Horizont eines Literators, Patrioten, Projectmachers und eines Grammatikers, Pädagogen, Erziehers ist in der Abendlection des zweyten Morgens oder Tagewerks (S. 225. 226.) gründlich und genau bestimmt, nemlich: daß die freywillige Beyträge des ersteren zur Ausbildung einer Sprache, wie sie seyn könnte oder sollte, in miraculis speciosis und analogischen Beyspielen bestehen; letzterer aber mit Verleugnung aller Klügeley und Neufindlerey, schlechterdings die Sprache nehmen müsse, wie sie ist, mit allen Muttermälern der Sinnlichkeit, weil der Tyrann und Sophist - - - VSVS
Quem penes arbitrium est et ius et norma legendi: durch nichts als maJhmata paJhmata, leidende Gelehrigkeit, ästhetischen Gehorsam des Kreuzes entwaffnet, und nur mit dem Bild und der Überschrift seiner eigenen Zinsemünze befriedigt werden kann.
Der Buchstab militairischer und finanzischer Gerechtigkeit heist Legion und Million. Billigkeit ist ein Kind der Wahrheit - die alles positive in I (Symbol der Gottheit) - und der Gnade - die alles negative in 0 (Element des Universi!) auflöst. Gesez hat Schwert und Waagschale, (Mord und Lügen) zur Rechten und Linken eingeführt; und jede Reformation des Gesetzes wird ein frischer Dünger der Chicane. Muthblinder als Bileams Seele und Lehre ist die Muse eines Gesetzgebers, der Triebsand zu Grundsätzen macht, und der Ruhm eines irrenden Retters oder Ritters9, der in sein Eingeweide wütet oder mit seinem eigenen Schatten ficht.
Der unsterbliche Dichter einer allegorischen Gelehrtenrepublik scheint zwar manchen Einwurf in der Ferne zum voraus gesehen und durch seine Winke weggescheucht zu haben; aber alle systematische Presbytie der Folgerungen und ihrer himmelblauen Reyhen ist, gleich der Mutter Thetis Taufe, für die Ferse des achillischen Grundsatzes verloren. Ist es Seine und Meine Schuld "in Zeiten zu leben, die es mit den Vorurtheilen kurz und gut abthun?" Siehe über die neueste Rechtschreibung S. 48.

 
II.
 
Einen so frommen Liebhaber der Wahrheit zu ihrer Erkenntnis zu bewegen, hab ich weder ein olympisches Gewitter noch acherontische Überschwemmung in Prosa nöthig. Sie, die unerkannte Huldgöttin, schwebt ja auf den Lippen Seines Mundes und schlägt im Tact Seines Herzens.
"Deutschland gesteht, durch die allgemeine Rechtschreibung, gewissen Gegenden die richtige Aussprache zu" (S.11). Folglich wird von allen Deutschen und Herrn Klopstock selbst der Orthographie eine größere Sphäre als der Orthoepie zuerkannt; folglich nicht Aussprache überhaupt, sondern nur eine gewisse und auserwählte, die nemlich erst ihr Creditiv (gleichsam durch die allgemeine Rechtschreibung erhalten, (und zwar zur Norm, nicht aber zur Form derselben), wird auch eingestanden. Dies Allgemeinere der Rechtschreibung überschreitet also das Gebiet des Gehörs und schliest das Besondere und Einheimische oder Eigenthümliche der Aussprache aus. Diese Ausschließung tonhafter und hörbarer Bestimmungen, worinn eben das Allgemeinere besteht, giebt daher Fug und Raum zu einer Compensation anderweitiger, vornemlich etymologischer, syntactischer und grammaticalischer Bestimmungen, damit der wechselseitige Mangel und Überfluß hörbarer und augenscheinlicher Sinnlichkeit durch Mittelbegriffe des sensus communis zur Gleichheit gebracht werde, wie geschrieben steht: abundantia inopiae sit supplementum, vt fiat aequalitas 2 Cor.VIII.14. Daher die Forderung, "daß der Schreibende deutlicher als der Redende seyn müße, nicht so sonderbar und ungegründet ist"10.
Die überwiegende Gegengründe liegen aber in dem theils falschen, theils zu engen Zwecke (S.50) den die neuste Rechtschreiberey zum voraus setzt: "nichts mehr und nichts weniger als das Gehörte (einer durch die allgemeine Rechtschreibung bereits accreditirten oder zugestandenen Aussprache) zu bezeichnen." Ein Circul der Begriffe ist die Lieblingsfigur und der heiligste Typus unsers epidemischen Reformationsschwindels und des zeitigen Eyfers, nach dem Wandel obwaltender Mode, mit den Vorurtheilen kurz und gut herum zu springen.
 
Man schreibe, was man denkt, man
schreibe, was man spricht11;
Diesen alten Leberreim hab ich, noch als ein Kind, von meiner seeligen Muhme gelernt. Denn so wenig der Zweck des Redens in bloßen Articulationen und Modeficationen blinder Töne: noch weit weniger besteht der Zweck des Schreibens in einer Abzählung, Abwägung und Punctirung ihrer stummen Statthalter; welches alles auf eine pharisäische Auszehntung von Münz, Till und Kümmel hinausläuft, in Verhältnis des wahren, natürlichen und höheren Zwecks, der so wol Rede als Schrift vereinigt - zu einer Schechine, Stiftshütte und Wagenthron unserer Empfindungen, Gedanken und Begriffe durch hörbare und sichtliche Zeichen der Sprache. Diese materielle Hülfsmittel unserer geistlichen Nothdurft und Willkühr in den lezten und einigen Zweck zu verwandeln, wäre der allergröbste Misbrauch poetischer Licenz und Sinnlichkeit.
Noth ist keine Tugend; und Sparsamkeit kein Gesetz. Nach der Unterscheidungskraft eines fast zu spitzig witzigen Kopfs12 kann man von Leuten, "die durch die Nase reden, nicht sagen, daß sie durch die Nase reden".
 
Rede, daß ich dich sehe! ----
Barbatum haec crede magistrum
Dicere, sorbitio tollit quem dira cicuta.
PERSIUS IV. 1. 2.
 
Klopstock meynt im rechten Ernst: Schreibe, daß ich dich höre! Was wird aber nun aus dem Spott über die gemalte Gerüche? Bachstabiren im Lesen und Schreiben muß durch gleichförmige Übung des Auges und Ohrs, des Gedächtnisses und der Zunge gelernt; die brüderliche Eyfersucht der Glieder und Kräfte aber durch keinen Sprung über brüderliche Mauern Eines Systems beygelegt werden.
Die Harthörigkeit, welche der allgemeinen Rechtschreibung vorgeworfen wird, ist lange nicht so anstößig als das Augenweh13 eines in der Mönchenschrift vor der Mitte des vierzehnten Jahrhunderts14 ungeübten Lesers, dem es wie dem Blinzer zu Bethsaida im Evangelio St.Marci15 geht; weil durch die neuste Rechtschreiberey unsere deutsche Wörter, gleich Davids Knechten16 geschändet werden, denen Hanon, der König der Kinder Ammon den Bart halb beschur und ihnen die Kleider bis an den Gürtel abschnitt, daß David ihnen sagen ließ: Bleibt zu Jericho, bis euer Bart gewachsen ist. 2 Sam. X. 4. 5.17
Da unser Auge von Natur taub, und unser Ohr blind ist; so läßt sich letzteres kaum "durch die Substitution zur genetischen Grundlage allgemeiner Rechtschreibung brauchen": sondern wir müssen vielmehr unserem repräsentativen Erinnerungsvermögen durch anhaltende Bearbeitung eben diejenige Fertigkeit zu verschaffen suchen, welche wir im Denken durch die Totalität unserer Sinne erlangen müssen; "weil Töne und Buchstaben durch ihren anerkannten Eindruck nichts als die dunkeln Triebfedern sind, durch deren Reiz in beyden respective competenten Sinnen eine Empfindung erweckt wird, die man ohne es zu wissen und zu wollen, als Anfangsleiter nach tönenden Intervallen und augenscheinlichen Veränderungen zu Zeichen der Gedanken angenommen und ohne ihr ferneres Bewußtseyn bisher gebraucht hat"18.
Au pis - aller19 eines Wortspiels und Familienspasses nennt man hier zu Lande, vermittelst einer Abreviatur, dergleichen es unzählige in der Sprache der Bewohner des Pilatus-Berges20 geben soll, den Verfasser von Sophiens Reise den Zofisten, mit dem feinen Nachdruck einer Affectation, wie der P. du Tellier den beredten, galanten, intoleranten Boßuet einen Moleonisten21 hieß und D. Leß - wollte sagen Luther22 den Engel im Daniel "thun läßt, als verbräche er das Wort Meß im Reden williglich, daß ers vor großem Unwillen nicht mag recht nennen Meße, sondern spricht Mäusim". Siehe das XII. Kap. Danielis ausgelegt durch diesen armen Sünder in seiner Vorrede.
Also auch die allgemeine Rechtschreibung "bewahrt die Begriffe, Meinungen, Vorurtheile eines Volks bis zur feinsten Nebenausbildung, seIbst in jenen winzigen, unwahrhaften, etosiologischen Fragmenten auf". Man könnte dies Aufbewahrte die Mädchenseele23 der Sprache nennen, an deren Rosen- und Narzissenmond sich die Metaphysik der Midasschreiberey vergreift. Ja, es ist eine traurige Ehre für diese mythische Nymphen, an den Gliedern, die uns dünken24 -- zum Ersatz mit Häckchen verschönert, und, was das ärgste, in gemalte Echoe! verwandelt zu werden!25
Schöner Patriotismus der neusten Egerie Anepistemosyne, der durch eine etymologische Übersetzung seine eigene Anhänglichkeit an den hieroglyphischen26 Buchstaben des Gehörs und verjüngten Maasstab orthographischer Gerechtigkeit paradigmatisirt! Zu einer Widergeburt der allgemeinen Rechtschreibung gehört mehr als ein Krebsgang jenseit des vierzehnten Jahrhunderts und seiner Mönchenschrift. Wer nicht in die Gebärmutter der Sprache, welche die DEIPARA unserer Vernunft ist, eingeht, ist nicht geschickt zur Geistestaufe einer Kirchen- und Staatsreformation.
RES POPULI - RES DEI! Sind aber die Impromtüs eines Galilei und Newtons einmal zu ewigen Gesetzen der Natur verklärt: so muthen wir ihrem Schöpfer Selbst zu, sich in den Schranken dieses Sandufers zu halten und trauen ihm weder die Macht noch das Herz, selbige zu übertreten. Die neuste Exegese ist so mitleidig und schamhaft den Geist der Weissagung mit den Lumpen alter Lokalvorurtheile der jüdischen Orthodozie zuzudecken; unterdessen ihre Schwester Dogmatik so drakonisch - outheroding Herod! - über jedes ihr in den Weg liegende Vorurtheil unserer christlich-katholischen Orthodoxie den Stab bricht. Vorurtheile sind also die Märtyrer des philosophischen Menschenhasses und zugleich das Organonon der babylonischen Architektonik und hermenevtischen Tactik. Weh euch, Schriftgelehrten und Pharisäer der allgemeinen deutschen Otographie und Orcodoxie, die ihr der Minnesänger Gräber baut, und schmückt die Gräber des vierzehnten Mönchen-Jahrhunderts und sprecht: "Er treibt das Vorurtheil des Alterthums und der Gewohnheit aus durch Vorurtheile der Eigenliebe, Neuheit oder der eignen Erfindung27." Ihr s! und ß! gebt über euch selbst Zeugnis, erfüllt und häuft das Maas eurer Eitelkeit, Ungerechtigkeit und Verdammnis ohne Neuheit! oder eigne Erfindung! sondern durch Wucherkraut von Narrheiten "und Narrentheidigungen", die nicht orthographischen Blumenkohl sondern ta barutera tou nomou, thn crisin kai thn agaphn tou QEOU betreffen.
Denn gehören die Haare unsers Haupts, bis auf den Wechsel ihrer Farbe, zu den Datis der göttlichen Providenz; warum sollten nicht die geraden und krummen28 Grundstriche und Züge unserer symbolischen und typischen, (aber nicht hieroglyphischen) Handschrift, Gegenbilder und Spiegel einer Theupnevstie, 2 Tim. III. 16., einer unerkannten Centralkraft seyn, in der wir leben, weben und sind - eines ätherisch-electrischen Magnetismus, "der bis auf die einfachen Substanzen des ganzen Weltalls hindurch dringt". Dies verscheuchte Taubenerkenntniß ist wenigstens nicht wunderlicher, transcendentaler und unbegreiflicher als der dunkle Köhler-Schulglaube, welcher es gar nicht lächerlich finden, sondern schier gemächlich verdauen kann29, "daß die Art und Weise eines Pariser Vatermordes in seinen kleinsten Modificationen coordinirter gewesen mit dem linken als mit dem rechten Fuße, den ein ciceronianischer Bramine erst nach jenem aus dem Ganges erhob".
Welschlands unsauberer Geist ist ausgefahren, durchwandelt dürre Stäte, sucht Ruhe und findet ihrer nicht und kehrt mit sieben Geistern, die ärger sind als er selbst; in seinen mit Besemen gekehrten und geschmückten Pallast heim - bis ein Stärkerer über ihn kommt, der ihm seinen Harnisch nimt, darauf er sich verläßt und den Raub austheilt, - und er wie ein Blitz vom Himmel fällt. - - "Daß jemand ein Buch schriebe von meiner Sache: so wollt ichs auf meine Achseln nehmen und mir wie eine Kronen umbinden. Ich wollte die Zahl meiner Gänge ansagen und wie ein Fürst - darbringen." Hiob XXXI. 35-37.
Weit davon, dem wahren und nützlichen Verdienst des Erfinders, irgend zu nahe zu treten, würde ich der erste seyn seine neuste Rechtschreiberey nicht nur zur Darstellung poetischer, patriotischer, kosmopolitischer, philanthropinischer, akademischer Projecte, Declamationen und Comissionen30, sondern auch zum Gebrauch der Kanzleyen, Rathhäuser, Cabineter, Toiletten, Almanache, Bibliotheken, Magazine, Encyclopädien ect. ect. zu empfehlen, aber noch nicht vor der Hand in vsum Delphinorum für die Kinderstuben und Leseschulen, noch weniger zu Lehrbüchern und zur öffentlichen Erbauung und Andacht des Volks,
1) weil der Geist der neusten Sprachforscher (S. 260) weissagt: daß es "viele Rotten unter den Zesianern geben würde, wenn der Zesianismus gelten sollte"; welches bey der zugestandenen und durch Gewohnheit zur Idiosynkrasie gewordnen Harthörigkeit, und der dem Stolz und Eigensinn des Gehörs überlassenen Erfindung und Unterscheidungskraft des Gehörten und Ungehörten, eben nicht unwahrscheinlich ist.
2) Weil bey Ausstellung des Grundgesetzes im Zweck der Rechtschreibung ein Misverständnis zum Grunde liegt, und das ganze Universalmittel selbst nichts als ein leidiges Ohrenpolster der Sinnlichkeit ist; keine wahre Quadratur der Verhältnis zwischen Aussprache und Schrift, und ihrer auszugleichenden Incommensurabilität, ohne Fragmente noch Fractionen.
3) Weil überhaupt alle Altflickereyen der besten Welt auf die Wind-und Beutelschneiderey hinauslaufen, Gesetze, aus Mangel ihrer Einsicht, in Vorurtheile, und Vorurtheile, aus einem abermaligen Mangel ihrer Einsicht, in Gesetze zu verwandeln sans rime et sans raison -
4) Weil Gesetze allein nicht fördern, und Vorurtheile, "die Gott gereinigt hat, nicht gemein machen" - "den Unreinen aber und Ungläubigen nichts rein, sondern unrein beyde ihr Sinn und Gewissen ist. Mit unserm Wachstum in Erkenntnis des Guten und Bösen wächst also auch unsere Verbindlichkeit, uns nach St. Petri Vorschrift zu verhalten prosdokwntaV kai speudontaV -
Es werde! - Erstes und letztes Wort dreyeiniger Schöpfung! - Es ward Licht! Es ward Fleisch! Es werde Feuer! - Siehe! ein neuer Himmel und eine neue Erde - (ohne Meer) - und eine neue Kreatur! Das Alte ist vergangen, siehe! es ist alles neu worden. Siehe! Ich mache alles neu! - - "HERR! wo da?" - "Wo ein Aas ist, da ist ER!"31

 
- saxis tantum volucresque, feraeque
Sculptaque seruabant magicas animalia linguas.
Lucanus III. 223. 224.

Mnhmoneuete thV gunaikoV Lwt.
Luc. XVII. 32.

 

1Über den deutschen Styl von Joh. Christoph Adelung I. Theil Berlin, Voß, 785. S. 130. 131. Quellen des Unsinns 1. Verworrenheit der Begriffe - das Übel wird desto ärger, wenn sich zu dieser Verworrenheit eine ausschweifende Einbildungskraft und ungeordnete Liebe zum neuen gesellet - diese Quelle ist für unsere modische Schriftsteller sehr ergiebig geworden; besonders seit der Geschmack an der biblischen Schreibart unter ihnen so beliebt geworden ist, welchem wir ganze Bände des herrlichsten Unsinns zu danken haben. Einer derselben fängt eine Abhandlung über die deutsche Sprache mit folgendem Unsinn an: Die Liebe...herschreibt u.s.f. durch das ganze Schriftchen. Der gewöhnliche Leser gleitet über dergleichen Unsinn unvermerkt hin, belustigt sich an einzelnen Bilderchen, ohne auf den Sinn des Ganzen zu sehen und rufft dem verworrenen Schwärmer nicht selten das Plaudite! zu.

2Eloge de Milord Maréchal par Mr. d'Alembert. à Paris 779. p. 64. Emété p. 51.

3O Solwn, Solwn, EllhneV aei paideV este, gerwn de Ellhn ouk esti Plato in Timaeo.

4Isokraths o rhtwr elegen uper thV AJhnaiwn polewV, omoian einai taiV etairais - Aelian.Var. Hist.XII. 52.

5 Siehe die Vorrede zum ersten Theil des deutschen Sprachforschers, zur besondern Prüfung empfohlen dem rumvollen Kleeblatt Deutschlands Stuttg. 777.

6 Speude bradewV Siehe Caium Suetonium Tranquillum. Lips. 748. p. 90. §25.

7Apoc. XIX. 8.

8Si on cherche pourquoi tant d'arts et de sciences, cultives sans interruption depuis si longtems à la Chine, on cependant fait si peut de progrès, il y en a peut-etre deux raisons: l'une est le respect prodigieux que ces peuples ont pour ce qui leur été transmis par leur peres et qui rend parfait à leurs yeux tout ce qui est ancien; l'autre est la nature de leur langue, premier principe de toutes les connaissances. Voltaire à Essay sur les moeurs. Tom. I. Chap. 1. p. 283.

9 - ich achte, daß Ritter von Retter herkomme, aus dem Wort Retter hernach Ritter worden sey, ein rechter feiner Name für die Fürsten und Herren. Luther über den 82sten Psalm V.4.

10L'ecriture en elle-meme est ainsi propre que la parole poure exprimer ce qu'en pence, non par à la verité pour le persuader; car la parole est ordinairement accompagnee de temoins que certifient ce qu'elle avance; elle papier, comme l'en dit, souffre tout. Memoires de Me. de Staal, ecrite par elle-meme. Tome II. p. 313 à Londres 755. 12°.

11Siehe Brockes irrdisches Vergnügen in Gott, Bd. 2.

12Lichtenberg.

13Rien ne fait plus mal à la vue que l'orthographe nouvelle de M. Cousin; et rien n'est plus opposé au vrais principe de l'orthographe des langues vivantes, qui est conserver exactement l'étymologie dans tout ce qui ne change point la prononciation. Melanges d'Histoire et de la Litterature. Recueillis par M. de Vigneul-Marville. Vol. II. à Rotterd. 700. p. 25.

14Epoche aller unserer heutigen Buchstabenverschwendung und aller Unarten, sagt der teutsche Sprachforscher S.282.

15VIII.24. Blepo touV anJropouV, oti wV dendra orw paripatountaV.

16 Welch ein unnütziger Überfluß in folgendem Gleichniße, welchem es noch dazu an allem Intereße fehlt. Adelung I. S. 377.

17 Noch alberner (als Alles) sind die biblischen Anspielungen in den 2 Scherfl. zur neusten d. L. Adelung 1. 517.

18Siehe Beobachtungen über Stumme und über die menschliche Sprache in Briefen von Samuel Heincke, I. Theil. Hamb. 778. S. 61. 49.

19S. Predigten an die Kunstrichter und Prediger. Leipz. 771. Band 1. S. 129 (*).

20Les Montagnards du Mont Pilate ont generalement de l'esprit - Leur langage differe de celui de plat-pays et ils sont convenus entr'eux de mots, qui signifient des phrases entieres: ils parlent, comme nous ecrivons quelque fois, par abreviations. Le Nouvelliste Oeconomique et Litteraire Vol. XII. à la Haye 756 p. 103.

21 - - für Molinisten, wegen seiner Vertraulichkeit mit einern Fräulein von Moleon. Siehe Histoire d'un Voyage litteraire fait en 1733. par Jourdain à la Haye 735. oder Memoires anecdotes de la Cour et du Clergé de France p. 108.

22Gelegenheitspredigten von Joh. Timotheus Hermes. Breslau 779. S. 175 (*).

23Adelung 1. S. 412. Noch ärger, als die bekannte Werkstätte der Handwerke u. Künste, welche von tropisch-metaphorischem Unsinn wimmelt, macht es der Verf. von d. 2 Scherfl. S. 22.

241 Kor. XII. 22-24.

25 Siehe neuntes und zehntes Fragment über Sprache und Dichtkunst S. 20. 43.

26 Überbleibsel des Gottschedschen Sauerteigs, "der aus unsern Buchstaben Hieroglyphen machen wollte, obgleich der große Sprachkenner Frisch dawider bey aller Gelegenheit geeifert hat". Siehe granmatische Abhandlungen über die deutsche Sprache von Abraham Gotthelf Mäzken. I. Band Bresl. 776. S. 89.

27 Allgemeine deutsche Bibliothek B. XXXXIX. St. 1. S. 263.

28- iwta en h mia keraia - Matth. V. 18.

29Conf. S. 4.

30- commissiones meras - Sueton. Caligula § 53.

31Est proverbialis haec locutio, qua significare volunt Hebraei ad res praeclaras et eximias non opus esse multis inductionibus: sponte enim homines qui eas pro dignitate sua aestimare norunt eo confluere non secus ac aquilae ad cadaver. Vide Job. XXXIX. 27-30. Brinini de Regno ecclesiae glorioso. Pars I. Cap. 7. fol. 21.