Brief an Lindner

Brief Hamanns an Gottlob Immanuel Lindner (Auszug)
Königsberg, den 9. [3.?] August 1759
[...]
"Ich lebe hier so ruhig und zufrieden, als möglich. Es fehlt mir hier an Prüfungen nicht. Die Welt mag die beste seyn oder nicht - wenn nur Gott darinn regiert, oder in unserm Herzen vielmehr; so werden seine Wege unsern Augen allemal wohlgefallen. Dieses Wohlgefallen an den Wegen der mütterlichen Vorsehung sey auch Ihr Trost und Trotz! Und Sein Heiliger Name Ihre Sonne und Schild.
Sie haben mir nicht ein Wort an meinen Freund Baßa gedacht? Er hat mir selbst geschrieben; und ich empfehle Sie Einlage zu eigenhändiger Bestellung.
Weil ich hier keine Amtsgeschäfte habe, fiel es mir ein, das Griechische vorzunehmen. Ich bin mit dem Neuen Testament einmal zum Ende gekommen, und wiederhole es jetzt. Sind Sie auch schon so weit? Unstreitig weiter? Wenn Gott hilft, kommt die Reyhe vielleicht an das Hebräische.
Ich habe noch zu wenig Kenntnis von der griechischen Sprache; den Mangel ihrer Grammatiken möchte bald aber beurtheilen können. Ihre Abweichungen kommen von der Ungeschicklichkeit der angenommenen Regeln her. Je weniger regeln, desto weniger Ausnahmen. Eine Sprache, welche die größte Anomalien hat, sollte die nicht die allgemeinste Principia zu ihrer Bildung angenommen haben? Weil man nicht auf die letztere gekommen, hat man mehr ihre Analogie mit andern Sprachen als ihre innere Natur zum Fundament der Grammatic gemacht. Dialecten und Figuren muß man kennen, um griechisch zu verstehen; hierin besteht ihre Schönheit und Schwierigkeit. Dialecten gründen sich auf eine philosophische oder experimentalische Kenntnis der Laute; Figuren auf eine logische <Synthax> Etymologie.
Wenn Sie diese kurze Beobachtung nicht für ein Galimathias halten wollen, so denken Sie in Ihren griechischen Stunden daran, die Ihnen behülflich seyn werden das zu erklären, was ich sagen will. In der Sprache jedes Volkes finden wir die Geschichte deßelben. Da das Geschenk zu reden unter die unterscheidende Vorzüge des Menschen gehört, so wundert mich, daß man noch nicht die Geschichte unsers Geschlechts und unserer Seele von dieser Seite näher zu untersuchen einen Versuch gemacht.
Das unsichtbare Wesen unserer Seele offenbart sich durch Worte - wie die Schöpfung eine Rede ist, deren Schnur von einem Ende des Himmels biß zum andern sich erstreckt. Der Geist Gottes allein hat so tiefsinnig das Wunder der sechs Tage erzählen können. Zwischen einer Ideé unserer Seele und einem Schall, der durch den Mund hervorgebracht wird ist eben die Entfernung als zwischen Geist und Leib, Himmel und Erde. Was für ein unbegreiflich Land verknüpft gleichwohl diese so von einander entfernten Dinge? Ist es nicht eine Erniedrigung für unsere Gedanken, daß sie nicht anders sichtbar gleichsam werden können, als in der groben Einkleidung willkührlicher Zeichen und was für ein Beweiß Göttlicher Allmacht - und Demuth - daß er die Tiefen seiner Geheimniße, die Schätze seiner Weisheit in so kauderwelsche, verworrene und Knechtsgestalt an sich habende Zungen der Menschlichen Begriffe einzuhauchen vermocht und gewollt. So wie als ein Mensch den Thron des Himmels und die Herrrschaft deßelben einnimmt: so ist die Menschensprache die Hofsprache - im gelobten - im Vaterlande des Christen. Heil uns! Freylich schuf er uns nach Seinem Bilde - weil wir dies verloren, nahm er unser eigen Bild an - Fleisch und Blut, wie die Kinder haben, lernte weinen - lallen - reden - lesen - dichten wie ein wahrer Menschensohn; ahmte uns nach, um uns zu Seiner Nachahmung aufzumuntern.
Auch die Heyden hatten ein Wörtchen von diesen geheimnißen, in ihre Mythologie einzuflechten, vernommen. Jupiter verwandelte sich um die Gunstbezeigungen seiner rechtmäßigen Gemahlin zu genüßen, in einen elenden, <mit> von regen träufenden, zitternden und halbtodten Guckuck - Der Jude, der Christ verwirft daher seinen König, weil er wie eine Henne um seine Keuchlein girrt, und in sanftmüthiger, elender Gestalt um die Rechte seiner Liebe wirbt. Der Heyde, der Philosoph erkennt die Allmacht, die Hoheit, die Heiligkeit, die Güte Gottes; aber von der Demuth seiner Menschenliebe weiß er nichts. Als ein schöner Stier, als ein Adler, Schwan und güldener Regen theilte sich Jupiter seinen Bulerinnen mit.
Wenn ich in meiner Einbildungskraft ausgeschweift; so ist die Aussicht meines verwilderten Gärtchens schuld daran, in dem ich schreibe. Daß er auch der Heyden Gott ist; dafür haben wir Gelegenheit ihm auch zu danken, wenn wir mit Thoma ihn ganz allein uns zu eigen machen, und ihm nachsagen: Mein Herr und mein Gott.
Ueberlaßen Sie sich der Führung des Guten Hirten, der Sein Leben läßt für Seine Schaafe, und aus deßen Hand uns kein Feind rauben kann. Meinen Gruß vermelden Sie an Ihre jungen Herren - Ich bin mit aufrichtiger Hochachtung Ihr ergebener Freund."
 
Hamann