Leser und Kunstrichter

Leser und Kunstrichter
nach
perspectivischem Unebenmaaße

MANILIVS.

- - cunctanti tantae succedere moli
Materies primum, rerum ratione remota,
Tradenda est; ratio sit ne post irrita, neue
Argumenta nouis stupeant nascentia rebus.

Im ersten Viertel des Brachscheins.

Sokrates in Platons fünftem Gespräche
peri dikaiou

Eason me eortasai, wsper oi agroi thn dianoian eiwqasin
estiasqai uj eautwn, otan monoi poreuwntai.

HORATIVS

Non sine DIS animosus infans
Vester, Camenae, vester in arduos
Tollor Sabinos - --
Vestris amicum fontibus & choris
Non me Philippis versa acies retro.
Deuota non extinxit arbos,
Non Sicula Palinurus vnda.
Vtcunque mecum VOS eritis, libens
Insanientem nauita Bosporum
Tentabo, & arentes arenas
Littoris Assyrii viator.

 
Aus Kindern werden Leute, aus Jungfern werden Bräute, und aus Lesern entstehen Schriftsteller. Die meisten Bücher sind daher ein treuer Abdruck der Fähigkeiten und Neigungen, mit denen man gelesen hat und lesen kann. Die heutige Fruchtbarkeit der Schriftsteller giebt mir Anlaß ein Bild von den Insecten zu entlehnen, und die schöne Natur einiger Leser mit den grünen Larven, welche kriechen und Blätter fressen, die schöne Natur anderer Leser hingegen mit den fliegenden, honigsaugenden bunten Schmetterlingen zu vergleichen. Wie unter diesen verschiedenen Gestalten eben dasselbe Geschöpf erscheint: so sind Pedant und Stutzer Entwicklungen einer einzigen Grundlage. Weil aber keiner von beyden sich seiner selbst im Ganzen bewust ist: so erstaunen sie über das Geheimnis ihrer Verwandtschaft, ohne sich einander erkennen zu können, und in dieser wechselsweisen Bewunderung besteht vielleicht der höchste Grad der Liebe und des Hasses, dessen sie unter sich fähig sind.
Bewunderung ist man auch allen Gönnern der schönen Künste schuldig, die ihre Leser für Parasiten halten, und die Schätze ihres Kabinets und ihrer Bibliothek mit eben dem großmüthigen Anstande Preiß geben, womit ein Kleinmeister seine doppelte Schnupftobacksdose in Bewegung zu setzen weiß.
Ein wenig zu schielen schadt der Liebe nichts, die man zu schönen Künsten hegt, und ein Betrachter, der schielt, beweist wenigstens, daß er zwey Augen hat und mit dem einen ein gedrucktes Buch, mit dem andern ein gemalt Bild lesen kann. Schicken Sie, hochwohlgeborner Verfasser Zeichnung und Colorit ihrer Betrachtungen nach China, wenn sie einem blinden Leser, als ich bin, nicht glauben wollen. Alle Gallerien im großen Reiche China werden sich eine Ehre daraus machen, Zeichnung und Colorit ihrer Betrachtungen - -
Gesetzt, daß der feurige Briefstyl und der hölzerne Werkmannston der Einheit gemäß, die sie feyerlich mit dem Munde bekennen, und daß die philosophische, poetische und technische Männchen die Gratiens eines galanten Liebhabers, die Lebensart eines galanten Schriftstellers sind: so geruhen Sie wenigstens in Erwägung zu ziehen, daß ein kurzsichtiger Leser durch das ewige Spiel ihr Finger, die vermuthlich Ringe mit Brillanten tragen, und womit sie bald ein Gemälde ihres Kabinets, bald ein Buch ihrer Bibliothek von weitem zeigen, unmöglich gebessert werden kann, ohne durch die heitersten Begriffe, die vom zartesten Gefühle entspringen und wieder zu den Empfindungen eilen, im voraus aufgeklärt zu seyn.
Sie thun aber, wie der Stallmeister, stolz darauf, daß jeder Gott einer Malerakademie Sie versteht. Glauben Sie das; so zittern Sie, daß der Gott des Pinsels sich für Ihre Betrachtungen rächen wird. Die häufige Nomina propria, die Ihnen so geläufig als der Nonne ihr Psalter, sind unbekannte Götter, ägyptische und chinesische Buchstabe für einen Leser, der nicht so viel Kunstkammern durchwühlt hat, als ich in meinem köstlichen Leben Kalender gemacht. Grandisons und Clarissen theils in meiner Heimath theils auf meiner Wallfahrt in Augenschein genommen, am Mastbaum singen gehört, und ihnen die Hände gedruckt habe, die von lebendem Elfenbein waren. Wundert euch nicht, Jungfern und Junggesellen! daß ich zaubern, ein Buch in eine Person verwandeln, eine Idee durch ein Gemälde und einen würflichten Körper durch die Nachahmung seiner halben Haut und verkürzten Oberfläche vorstellen kann. Ich habe Betrachtungen gelesen, und liebe die Natur, unsere alte Großmutter, wie ein Magus, und ihre Schönheit begeistert mich mehr als die Seele der Mägdchen jenen arkadischen Propheten, der in unsern cynischen Zeiten den Preiß in Schäfererzählungen entwandt haben soll.
Ein Magus muß man seyn, wenn man unsere schöne Geister lesen will. Die Blutschande mit der Großmutter ist das gröste Gebot, das in dem Koran der schönen Künste verkündigt und nicht erfüllt wird; auch bedeutet der Doppelspiegel der Wahrheit, die auf einen Kunstrichter warten muß, der noch kommen soll, nichts anders als ihre eigene Betrachtungen über die schöne Kunst, von der unsere schöne Geister ganz gewiß die Palette und Etikette vielleicht verstehen.
Vermittelst der Magie plündert der Schriftsteller Kabinet und Bibliothek, verstümmelt Bücher und Gemälde, um ein Kind des Himmels mit Lumpen zu kleiden, und in eine liebe Frau von Loretto zu verwandeln, in die sich seine Leser verlieben, wenn es ohne Zauberey möglich ist, daß sich ein Leser in ein ausgestopftes Bild verlieben kann, welches ohne von dem Üblichen in den Kennzeichen abzuweichen, das wesentlichste Kennzeichen nicht hat, ohne Narbe und ohne Seele ist. Anstatt der Wolken in seinen gemalten Begriffen umgiebt der Schriftsteller den lumpenreichen Mieder seines Buchs mit einem Gürtel, schön als der Thierkreis, auf den die zwölf Gratien der Costume, der Werkmannskunst, des hohen Geschmacks und der feinen Kritik in Hieroglyphen geschildert sind, woran ein Schloß hängt, das ein welscher Virtuose erfunden haben soll, der die Schönheit seiner Frau versiegelte, weil sein Pinsel zum Malen nichts taugte; folglich ist der ein Magus, der mehr als Brodt essen kann, und übertrift an Sitten den Liebhaber seiner Werke, Saturn und Nero, den Liebhaber seiner Mutter1.
Wer Willkühr und Phantasie den schönen Künsten entziehen will, ist ein Qvacksalber, der seine eigene Regeln noch weniger kennt als die Natur der Krankheiten. Wer Willkühr und Phantasie den schönen Künsten entziehen will, hat die Costume gar nicht gesehen, so oft er sie auch mit ausgestreckten Fingern seine Dulcinee nennt, wsper to thV ElenhV eidwlon upo twn en Troia SthsicoroV jhsi genesqai perimachton, agnoia tou alhqouV. Wer Willkühr und Phantasie den schönen Künsten entziehen will, stellt ihrer Ehre und ihrem Leben als ein Meuchelmörder nach, und versteht keine andere Sprache der Leidenschaften, als der Heuchler ihre. Laßt alle Musen über seine Betrachtungen gen Himmel fahren - so bleibt der Betrachter ein desto reicherer Erbe ihrer Heimfahrt, den sein Kabinet und seine Bibliothek trösten werden.
Wenn der Leser nicht zaubern kann; wie wird er im Stande seyn eine ästhetische Malerlehre, zwey Alphabethe stark, zu ergründen, die ein beständiger Wiederspruch gegen und für ihre eigene Regeln zu einem reinen Galimathias macht, das schädlich, lächerlich und häßlich zugleich ist? Lohnt es wohl der Mühe ein Schriftsteller im Jahre 1762. zu werden, wenn man nichts als die gemeinsten Fehler sehen und schminken, und keine andere Mittel zur Erweiterung der schönen Natur als unendliche Wiederholungen erschöpfter Betrachtungen über die Palette und Etikette der schönen Künste aufweisen kann?
Wie wird dem Leser bey der malerischen Stellung eines Schriftstellers zu Muthe, der einen schwachen Magen durch ein Ragout à la mode erleichtert, der die Chineser verläumdet, weil sie seine Muster sind, und ein Sprichwort von dem Geschmacke der Griechen, die er nicht erreicht, dreymal aufstoßen läßt. Zogen die Griechen der Hülle die Fülle vor, so war Galatons Gemälde leicht zu tadeln, aber schwerer zu erklären als die Leckerbissen eines Kabinets und einer Bibliothek im Ragout à la mode zum Gebrauche deutscher Leser, die Parasiten sind.
Haben sich Liebhaber erst blind gemalt, daß sie die Vorderthür der schönen Natur nicht mehr finden können, weil sie mit Wolken umgeben ist, die aus dem Gehirn aufgestiegen und den Dünsten ähnlich sind, womit die Thür des gerechten Loths verriegelt wurde: dann wird das Thal Achor ein Thor der Hofnung2 und alle Johanniswürmer, die ein Licht in ihrem Hinterleibe haben, werden Sterne der ersten Größe, und das Licht in ihrem Hinterleibe wird ein Strahl aus dem Abendsterne3, der durch das ganze Wurmgeschlecht unauslöschlich sich mittheilt, weil ihn Juno zum ewigen Andenken der Schwachheiten eingesetzt hat, womit der große ZEVS ein sterbliches Individuum liebt und die Blüte ihrer schönen Natur am rechten Orte pflückt, den Juno aus Laune von hinten zeichnet.
Jener wilde Amerikaner, welcher den gemalten Engel von einer Meisterhand für seinen Landsmann bewillkommte, war freylich nicht der Kunstrichter, den der Schriftsteller suchte, da er den Schatten des Clericus mit einer Feige ablaufen ließ. Ist aber die Malerey ein Kind des Himmels, wie man liest, ohne von dem Üblichen in den Kennzeichen ihres Geschlechts abzuweichen: so zeigt jenem wilden Sohne der Erde das Gemälde des Titelblattes, ob er nicht das Ebenbild seiner Schwester und seiner Braut in ihr finden wird; ob nicht die Wahrheit, deren Blöße den Griechen so anstößig ist, weil sie Blöße lieben, und deren Wirkungen den Juden so unangenehm sind bis auf den heutigen Tag - ob die Wahrheit in ihrem Sonnenkleide einem Kunstrichter, der in seiner Landestracht mit ihren Wirkungen vertrauter ist, nicht ihren Doppelspiegel gern überreichen wird? Wer sagt mir gut dafür, daß der Schriftsteller nicht seine Betrachtungen über die Malerey für den Doppelspiegel in Wolken ausgeben will, dem will ich die ungeheure Kritik ins Ohr sagen, die ein Kind des Himmels, die Muse der alten Welt und ein Sohn der Erde, der Jüngling der neuen Welt, unter vier Augen über die Zeichnung und das Colorit der Betrachtungen sich symbolisch einander mittheilen?
Wir beurtheilen die Malerey nicht nach Ausnahmen, spricht ein sinnreicher Schriftsteller, der zu wenig Witz hatte seine Bibliothek zu lesen, noch weniger Herz seine Bibliothek zu verbrennen, und daher auf den Einfall kam selbige mit einem Bande zu vermehren, der nicht verdient gelesen noch verbrannt, sondern nach China verbannt zu werden. Wir arme Leser hingegen sehen alle Meisterstücke seines Kabinets für lauter Ausnahmen an. Denn wer keine Ausnahme macht, kann kein Meisterstück liefern; weil Regeln vestalische Jungfrauen sind, durch die Rom vermittelst Ausnahmen bevölkert werden muste, Rom, das lange genug gestanden und seinem Kunstrichter nicht entgehen soll, der auch ein Jungfernkind, und wie ein schwerer Mühlstein fallen wird.
Wer ein Schöpfer zu werden wünscht, um ein neues aber ödes Land mit schönen Naturen zu bevölkern, folge dem Orakel der Themis4, und verhülle sich und seine Muse! Verhüllt und entgürtet werfen Autor und seine Muse die Knochen ihrer Mutter hinter sich. Vor waren sie Regeln, die kein Säugling verdauen kann, und Steine des Anstoßes den alten Ahnen: nun sind sie Meisterstücke, die leben, göttliche Werke eurer Hände, die euch nachfolgen werden, weil sie Füße haben.
Wundert euch also nicht, Jungfern und Junggesellen! über die glatte und fette Gestalt unserer schönen Geister, noch über die Luftröhre des Schwanenhalses, mit dem sie eigensinnige Regeln und willkührliche Beyspiele durch alle vier und zwanzig Töne des Abecees schattiren. Dies Übliche in den Kennzeichen beweist den Mangel der wesentlichsten und fruchtbarsten Grundsätze, von denen allein die Kenntniß und der Genuß, die Liebe und Fortpflanzung schöner Naturen abhängt.
Wundert euch also nicht, Jungfern und Junggesellen! wenn der herrschende Geschmack aus diesen Weichlingen seine Hofleute, Kämmerlinge, Thürhüter, Kleider- und Siegelbewahrer ausliest, die ein beredtes doppeltes Kinn, aber keine Seele zu Schäfererzählungen haben. Eben daher kömmt es, daß die lüsterne Costume und Sultanin des herrschenden Geschmacks mit chinesischen Augen jeden hagern Kunstrichter anschielt, dessen Seufzer wie die Pfeile in der Hand eines Starken gerathen. Wohl dem, der seinen Köcher derselben voll hat!
 
Polla moi up¢ agkw
noV wkea belh
endon enti jaretraV
jwnanta sunetoisin× eV
de to pan ermhnewn
catizei. SojoV o pol-
la eidwV jua
maJontes de, labroi
pagglwssia korakeV wV
akranta garueton
DioV pros orniJa Jeion.
Epexe nun skolw toxon
age Jume5 --

Wundert euch nicht, Jungfern und Junggesellen, wenn die schöne Natur der schönen Künste für unsere schöne Geister ein Noli me tangere bleibt, das Richardson, weil die Liebhaberey seiner Landsleute groß ist, mit einer erfurtischen Domschelle umgeben muste, in der ein englisches Herz wie eine Ochsenzunge im Rauche schwebt, oder gleichwie ein blaues Eyland im Schooße der weiten Thetis schwimmt. Ihre Sittenlehre und ihr Geschmack gründen sich blos auf gemalte Güter, ihre Lebensart und ihre Schreibart sind eine getünchte Oberfläche, die das Auge täuscht und den Sinn beleidigt, ihre Kritik ein Mährchen vom Schaumlöffel; - aber jener Kunstrichter, den Tiresias an einem untrüglichen Zeichen6 (shma mal¢ arijradeV) beschrieb, wird den ästhetischen Bogen der schönen Künste zubrechen im Thale der schönen Natur. Götzen von Porcellain und glasurter Erde sind die Ideen unserer schönen Geister, ihre heitersten Begriffe die vom zartesten Gefähle entspringen und wieder zu den Empfindungen eilen, sind schmutziger als das besudelte Gewand eines Keltertreters, dessen Augen gleich den Tauben lachen, die den Wagen der Venus ziehen, der seinen Mantel im Weinbeerenblut gewaschen, und Zähne wie ein Drache hat; - pechschwärzer als der schwarze Circensaft, aus mineralischem Salze und Hageichenblättergewächsen prophetischer Insecten zubereitet, durch welchen die Betrachtungen der schönen Geister, die immer das Schönste zum Gegenstande haben, zu ihrem würdigsten Ausdrucke gelangen.
Doch Jungfern -und Junggesellen! ihr sollt mich nicht allein lesen, und für euch hab ich schon mehr als zu viel geschrieben - Wittwer und Wittwen werden mich besser verstehen, warum die Nacht den Homer erleuchtete und allen Liebhabern der schönen Natur günstig ist, die den hellen Mittag als das Grab blöder Sinnen fürchten, - warum die Feuersäule unserer Vorfahren eine Wolkensäule für die Nachkommen ist, - warum man mit zwey Augen von Porcellain blinde Maler von Kindern des Lichts und hinter sich sehende Salzsäulen von fruchtbringender Gesellschaft nicht zu unterscheiden vermag, - warum unsere schöne Geister sich ihres schönsten Fleisches und Blutes schämen, an dem ein Achilles jedem Buben, der keine Thetis zur Mutter hat, nachartet, - warum sie sich alle verschworen haben aus moralischer Heiligkeit kein Mädchen mehr anzurühren als eine Miß Biron oder wenigstens eine nordische Gräfin, - warum die Kämmerlinge der schönen Künste das Übliche ihrer Kennzeichen nicht weiter als nach dem Brustbilde und der Garderobbe erkennen, und doch aus der Gabe Warzen zu fühlen und einen Reifrock zu messen Hofnungen unmöglicher Begebenheiten folgern, nämlich die Morgenröthe eines erqvickenden Tages, den sie niemals erleben werden, so lange sie keine Auferstehung des Fleisches glauben können, weil sie hier schon ihren nichtigen Leib durch schöne Künste selbst verklären, daß ihr nichtiger Leib den Johanniswürmern an Klarheit ähnlich wird, die ein Licht in ihrem Hinterleibe haben, der ein Stral aus dem Abendsterne ist -
Schriftsteller und Leser sind zwo Hälften, deren Bedürfnisse sich aufeinander beziehen, und ein gemeinschaftliches Ziel ihrer Vereinigung haben, wo Fülle und Hülle, Blöße und Hunger vier Räder, und Rad im Rade ein einziges Rad sind, anzusehen wie der Augapfel eines Zeisignestes; denn das ästhetische Geheimniß der schönen Natur heist in Schäfererzählungen ein Stein der Weisen, in Zergliederungen Schaam, in der Erfahrung7 aber das liebe Kreuz; -- ein Noli me tangere für Kämmerlinge, und für Algebraisten * * * * Farce anonyme aux quatre ètoiles - ILIA & EGERIA est: do nomen quodlibet illi8.
Wenn das Publicum ein Pfau ist; so muß sich ein Schriftsteller, der gefallen und die letzte Gunst erobern will, in die Füße und in die Stimme des Publici verlieben. Ist er ein Magus, und nennt die Antike seine Schwester und seine Braut, so verwandelt er sich in die lächerliche Gestalt eines Kuckucks, die der große ZEUS annimmt, wenn er Autor werden will.
Die Idee des Lesers ist die Muse und Gehülfin des Autors; die Ausdehnung seiner Begriffe und Empfindungen der Himmel, in den der Autor die Idee seines Lesers versetzt und in Sicherheit bringt, den Mann im Monde vorbey - den Ring Saturns vorbey - die Milchstraße vorbey - in solcher unermäßlichen Ferne, daß von der Idee des Lesers nichts als ein Zeichen in den Wolken übrig bleibt, das niemand kennt, als der Leser, der es macht, und der Autor, der es weiß. Mit diesem Zeichen in den Wolken kommt jedes Kind des Himmels auf die Welt, anzüglicher als die Gebährmutter des Abendthaues, untrüglicher als die Narbe, an der den alten Herrn ein altes Weib9 erkannte, und den Fuß jenes irrenden Ritters, den Circe und Kalypso der sterblichen Penelope nicht gönnten, sinken ließ, daß Wanne und Wasser über den Anblick der Narbe zusammen fuhren- - -
Damit die Kunstrichter zu Athen über ihren Unverstand in der Perspectiv nicht rasend werden und den Autor steinigen, gräbt er sich bis zum Mittelpunct der Erde und baut nach der himmlischen Aussicht von der Idee des Lesers durch das Zeichen in den Wolken (als jedes Kind des Himmels mit auf die Welt bringt) das Bild und den Leib des Lesers aus der feinsten Ader des beredten Plutons, den die Kunstrichter zu Athen mehr lieben als den ZEUS, weil der barmherzige ZEUS nur Thränen und Wasser regnet, der beredte10 Pluto aber Talente von Gold -
 
deinou plastou to ergon, omwV de, epeidh euplastoteron khrou kai twn toioutwn logoV peplaJw- periplason dh exwJen enoV eikona, thn tou anJrwpou, wste tw mh dunamenw ta entos oran, alla to exw monon elutron orwnti, en zwon jainesJai anJropon -.
Ist der Autor mit der Schöpfung seiner Muse oder Gehülfin, welche die Idee des Lesers ist, fertig, die er aus Himmel und Erde zusammensetzt, als seiner Bibliothek und seinem Kabinet, die auch verdienen gelesen, aber noch mehr, verbrannt zu werden: so machen sie Kälber und bitten die Kunstrichter von allen vier Winden zu Gaste, besonders aber den Herrn Verleger, falls derselbe entweder selbst ein Radamanthus im Limbo der Kritik, oder sonst ein guter Mann ist, der viel Welt und Geschmack hat, daß sich GOtt erbarm!

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1EcatoV Aineadwn mhtroktonoV nach einem sibyllinischen Verse in Dio. Cassius Lib. 62

2 Hos. 2.

3 Siehe die Nacht in S. Geßners Schriften, am Ende des zweyten Theils.

4 Siehe die Geschichte des Deukalions und der Pyrrha nach dem ersten Buche der Verwandlung im Ovid.

5 Pindar in der zweyten olympischen Ode.

6 - aJhrhloigon ecein ana Faidimw wmw. Homer im XI. Buche der Odyssee.

7 Zur Erfahrung gehört diejenige Kunst, welche Sokrates tecnhn crhsomenhn in Platons letztem Gespräche peri diakiou nennt und der poetischen sowohl als der mimischen entgegen setzt. O tou eidwlou poihthV, o mimhthV jamen, tou men ontoV ouden epaiei, tou de jainomenon [...] Tauta men dh epeikws diwmologhtai, ton de mimhtikon mhden eidenai axion logou peri wn mimeitai, all¢ einai paidian tina kai ou spoudhn thn mimhsin, als wenn die Nachahmung der schönen Natur für Possen im Taschenformate gut genug wäre.

8 Horat. Lib. I. Sat. 2.

9 Euriklea im 19. Buche der Odyßee.

10 Siehe Platons Kratylus.