Brief Hamanns an Christian Jacob Kraus

Königsberg, 18. Dezember 1784.
Clarissime Domine Politice!
Weil meine alten steifen Knochen zur peripathetischen Philosophie kaum mehr taugen, und meine Augenblicke zu labyrinthischen Spatziergängen nicht immer vor sondern auch zuweilen zwischen der Tafel ab ouis ad poma eintreffen, so muß ich schon zu einem maccaronischen Gänsekiel meine Zuflucht nehmen, Ihnen meinen Dank für den beykommenden Berlinschen Christmonath im cant-style, den der komische Geschichtsschreiber der komischen Literatur per e wie ein Asmus cum puncto durch Kantschen Styl gegeben, zu übermachen..
Zum Sapere aude! Gehört auch aus eben derselben Quelle das Noli admirari! Clarissime Domine Politice! Wie sehr ich unsern Plato liebe und wie gern ich ihn lese wißen Sie auch will ich mich seiner Vormundschaft zur Leitung meines eigenen Verstandes, doch cum grano salis gefallen laßen, ohne eine Selbstverschuldung durch Mangel des Herzens zu besorgen.
Einen Profeßor der Logik u Kritiker der reinen Vernunft an die Regeln der Erklärung zu erinnern, wäre beynahe Hochverrath; da Sie mir überdem Ihren Hutchinson fortgenommen ohne seine Moral widererstattet zu haben; besitze ich kein anderweitiges Organon in meinem armseel. Büchervorrath. Eben so wenig bin ich imstande den Zufall jüdischer und christlicher Einstimmigkeit in vormundschaftlicher Denkungsfreiheit mir aufzuklären, weil der königl. Bibliothekar den zweiten Jahrgang auf eine höchst unbarmherzige Art und Weise mir vorenthalten; so sehr ich auch aus allen meinen Kräften zur Geburtshülfe des kosmopolitischplatonischen Chiliasmus durch Wünsche, Erinnerungen, Vorbitte und Danksagung beygetragen.
Daher laß ich es mir gern gefallen die Aufklärung mehr ästhetisch als dialectisch, durch das Gleichnis der Unmündigkeit u Vormundschaft, zwar nicht erklärt doch wenigstens erläutert und erweitert zu sehen. Nur liegt mir das prwton YeudoV (ein sehr bedeutendes Kunstwort, das sich kaum unflegelhaft in unsere deutsche Muttersprache übersetzen läßt,) in dem vermaledeyten adiecto oder Beywort selbstverschuldet.
Unvermögen ist eigentlich keine Schuld, wie unser Plato selbst erkennt, und wird nur zur Schuld durch den Willen und deßelben Mängel an Entschließung und Muth - oder als Folge vorgemachter Schulden.
Wer ist aber der unbestimmte andere, der zweymal anonymisch vorkommt. Sehen Sie hier, Domine Politice wie ungern die Metaphysiker ihre Personen bey ihrem rechten Namen nennen, und wie die Katzen um den heißen Brei herumgehen; doch ich sehe die Aufklärung unsers Jahrhunderts nicht mit Katzen- sondern reinen und gesunden Menschenaugen, die freylich durch Jahre und Lucubrationen und Näschereyen etwas stumpf geworden, mir aber zehnmal lieber sind als die bey Mondschein aufgeklärten Augen einer Athnh glaukwpiV.
Ich frage daher auch noch zum zweitenmal mit katechetischer Freyheit: wer ist der andere, von dem der kosmopolitische Chiliast weißagt? Wer ist der andere Bärenheuter oder Leiter, den der Verf. Im Sinn aber nicht auszusprechen das Herz hat. Antwort: der leidige Vormund, der als das correlatum der Unmündigen implicite verstanden werden muß. Dies ist der Mann des Todes. Die selbstverschuldete Vormundschaft und nicht Unmündigkeit -
Wozu verfährt der Chiliast mit diesem Knaben Absalom so säuberlich? Weil er sich selbst zur Claße der Vormünder zählt, und sich gegen unmündige Leser dadurch ein Ansehen geben will - Die Unmündigkeit ist also nicht weiter selbst verschuldet, als in so fern sie sich der Leitung eines blinden oder unsichtbaren (wie jener pommersche Katechismusschüler seinem Landpfarrer entgegenbrüllte) Vormundes und Führers überläst. Dieser ist der eigentl. Mann des Todes -
Worin besteht nun das Unvermögen oder die Schuld des fälschlich angeklagten unmündigen? In seiner eigenen Faulheit und Feigheit? Nein, in der Blindheit seines Vormundes, der sich für sehend ausgiebt, und eben deshalb alle Schuld verantworten muß.
Mit was für Gewißen kann ein Raisonneur u Speculant hinter dem ofen und in der Schlafmütze den Unmündigen ihre Feigheit vorwerfen, wenn ihr blinder Vormund ein wohldisciplinirtes zahlreiches Heer zum Bürgen seiner Infallibilität und Orthodoxie hat. Wie kann man über die Faulheit solcher unmündigen spotten, wenn ihr aufgeklärter und selbstdenkender Vormund, wofür ihn der eximirte Maulaffe des ganzen Schauspiels erklärt, sie nicht einmal für Maschinen, sondern für bloße Schatten seiner Riesengröße ansieht, vor denen er sich gar nicht fürchten darf, weil es seine dienstbaren Geister und die einzigen sind, deren Daseyn er glaubt.
Kommt es also nicht auf einerley heraus: glaube - exercir - zahl, wenn dich der T.. nicht holen soll. Ist es nicht Sottise des trois parts? Und welche ist die gröste und schwerste? Eine Armee von Pfaffen oder von Schergen, Büttelknechten und Beutelschneidern? Nach dem befremdlichen unerwarteten Gange menschlicher Dinge, wornach fast alles im Großen paradox ist, kommt mir Glauben schwerer vor [als] Berge versetzen, Evolutionen u Exercitia machen - und die Liquidation mit unmündigen, dooec reddant nouissimum quadrantem -
Die Aufklärung unsers Jahrhunderts ist also ein bloßes Nordlicht, aus dem sich kein kosmopolitischer Chiliasmus als in der Schlafmütze u hinter dem Ofen wahrsagen läst. Alles geschwätz und Raisonniren der eximirten Unmündigen, die sich zu Vormünder der selbst unmündigen aber mit couteaux de chasse und Dolchen versehnen Vormünder aufwerfen, ein kaltes unfruchtbares Mondlicht ohne Aufklärung für den faulen Verstand und ohne Wärme für den feigen Willen - und die ganze Beantwortung der aufgeworfnen Frage eine blinde Illumination für jeden unmündigen, der im Mittage wandelt.
Geschrieben den heil Abend des vierten und letzten Advent Sontags 84 entre chien et loup.
Von des Clarissimi Domini Politici und Morczinimastix
Gebundenen und seiner ex- und esoterischen
Freyheit entschlagenen, von Poeten
Und Statistikern verkannten
Magus in telonio.
Auch in der Dunkelheit giebts göttlich schöne Pflichten
Und unbemerkt sie thun - -
Matth. XI. II.

N.S.
Meine Verklärung der Kantschen Erklärung läuft also darauf hinaus, daß wahre Aufklärung in einem Ausgange des unmündigen Menschen aus einer allerhöchst selbst verschuldeten Vormundschaft bestehe. Die Furcht des Herrn ist der Weisheit Anfang - und diese Weisheit macht uns feig zu lügen und faul zu dichten - desto muthiger gegen Vormünder, die höchstens den Leib tödten und den Beutel aussaugen können - desto barmherziger gegen unsere unmündige Mitbrüder und fruchtbarer an guten Werken der Unsterblichkeit. Die Distinction zwischen dem öffentl. Und privat Dienst der Vernunft ist so komisch als Flögels seine in Be- und Verlachenswürdige. Freylich kommt es darauf an die beyden Naturen eines Unmündigen u Vormunds zu vereinigen, aber beyde zu sich selbst widersprechenden Hypokriten zu machen, ist kein arcanum das erst gepredigt werden darf; sondern hier liegt eben der Knoten der ganzen politischen Aufgabe. Was hilft mir das Feyerkleid der Freiheit, wenn ich daheim im Sclavenkittel. Gehört Platon auch schon zum schönen geschlecht - das er wie ein alter Hagestoltzer verläumdt. Die Weiber sollten schweigen in der Gemeine - und si tacuissent, philosophi manissent. Daheim (i.e. auf dem Katheder und auf der Bühne und auf der Kanzel) mögen sie plaudern nach Herzenslust. Da reden sie als Vormünder, und müßen alles vergeßen u allem widersprechen, sobald sie in ihre eigene selbstverschuldete Unmündigkeit dem Staat Schaarwerk thun sollen. Also der öffentl. Gebrauch der Vernunft und Freyheit ist nicht als ein nachtisch, ein geiler Nachtisch. Der Privatgebrauch ist das tägl. Brot, das wir für jenen entbehren sollen. Die selbst verschuldete Unmündigkeit ist ein eben so schiefes Maul, als er dem ganzen schönen geschlecht macht, und da<ß>s meine 3 Töchter nicht auf sich sitzen lassen werden. Anch' io sono tutore! Und kein Maul- noch Lohndiener eines Obervogts - sondern halt es mit der unmündigen Unschuld. Amen!"