Brief Hamanns an Friedrich Heinrich Jacobi am 1. Dez. 1784

Kgsberg den I Christm. 84
"Hier erhalten Sie Ihr mir Anvertrautes zurück mit dem lebhaftesten Dank. Nach reifer Ueberlegung mußte ich mich entschließen, selbiges eigenhändig abzuschreiben, machte den 16 pr. den Anfang. Den Tag darauf kam mein lieber Sohn vom Lande mit der Familie des Kriegsrath Deutsch - und den 21 war ich fertig; er reiste den 24 wieder ab. Die feuchte faule Witterung hat aber auf meinen kahlen alten Kopf und ganzes Nervensystem so einen widrigen Eindruck gemacht, daß ich fast an meinen Sinnen und Gedanken zu verzweifeln anfieng, und ich mich erst seit gestern ein wenig erholt zu haben scheine.
Eine Abschrift war schlechterdings unentbehrlich wegen meines gebrechlichen Gedächtnißes, deßen ich noch weniger mächtig als meiner Sprache und Zunge. Ohngachtet ich leider! meine meiste Zeit mit Lesen zubringe: so vergehen mir doch die Gedanken, so bald ich das Buch zumache - und es geht mir im eigentl. Verstande nach dem Sprichwort: ex libro doctus.Sie haben bereits einen tumultuarischen Brief von mir erhalten, und gegenwärtiger wird kaum beßer gerathen. Ich habe Ihnen bereits gesagt, warum ich so viel Antheil an dem mir anvertrauten Briefwechsel nehme, und nehmen muß. In Ihrer Abschrift an H. [emsterhuis] vom 30. Junii haben mir die Scrupel, die man vorher nicht gehabt, die Sorge vor gewißen läppischen Aufsätzen, um die ich mich auch bisher noch nicht habe bekümmern können, welche ich eben wegen gewißer anderer Beziehungen nicht aus dem Gesicht verloren - Wenn das große Beyspiel eines Leßing dort so viel Bedenken macht; wie auffallend muß es dort scheinen den M. [endelssohn] selbst eines atheistischen Fanatismus angeklagt zu sehen! Alle diese Erläuterungen fehlten mir, um den von Berlin erhaltnen Wink zu verstehen. Ich vermuthe, daß mein blinder Angriff meinen alten Freund M. noch mehr aufmuntern wird sich über den Spinozismus zu erklären – worauf ich mich also vorbereiten muß, die Sache, ihn und mich selbst, unsere verschiedene Gesichtspuncte drüber zu vergleichen. Ein Versuch ist immer der Mühe werth - und voluisse sat est.
Ich habe gestern und diesen Abend Ihre Handschrift noch einmal durchgelesen, und muß gestehen daß ich so ziemlich verstehe, nur nicht die Erinnerungen Mendelssohns - aber desto mehr die Wahrheit seiner Bemerkung, mehr an ihm als mir selbst, ohngeachtet ich in meinem 55sten Jahr bin. Der Wandel nach väterlicher Weise vereckelt mir keinen andern Weg.
Der Tract. Th. Polit. Nebst den opp. posthumis liegen schon auf meinem Tische; aber ich muß seine Princ. Phil. Cart. auch ansehen, weil ich wie Leibnütz den Spinozisme für einen Cartesianisme outré
Das System, welches Louis Mayer in Spinoza Namen nach seinem Tode ausgegeben haben soll ist mir auch gantz unbekannt, und ich wünschte sehr daß M. sich darüber näher erklärt hätte, was er für ein Buch meynt.
Es fehlen mir noch einige andere Qvellen und Hülfsmittel z. E. ich besinne mich nicht jemals des Coleri Leben gelesen zu haben, ohngeachtet es eben kein selten Buch ist. Ich weiß nicht was für ein Vorurtheil theol. Partheylichkeit hat mich abgehalten, ohne einigen Grund für den Verfaßer. Die Qvelle von En kai pan ist mir auch ungewiß. Der bekannte Spruch im Sirach lautet anders als im Griechischen und noch spinosistischer: to pan esti autoV.
Ihre Vergleichung des Tief- und Scharfsinns mit dem Durchmeßer und der Sehne eines Circuls ist mir weder genau noch deutlich gnug. Meine Phantasie hat auf eine andere Art mit dieser Figur gespielt. Tiefsinn zu Wahrheiten, die sich alle einander gleich sind, u <ein> den Mittelpunct durchschneiden. Scharfsinn zu Wahrscheinlichkeiten, welche lauter Durchmeßer kleinerer Circul sind, alle mögl. entgegengesetzte Puncte der Peripherie berühren könne, <nur nicht> ohne den Mittelpunct, auch eines Parallelismi fähig sind.
Bei aller Schönheit des Gedichts kann ich die Anwendung nicht finden, die Leßing davon gemacht. Wozu dürfte sich Jupiter nicht an die Erde und Hütte des Menschentöpfers vergreifen. Jupiter war als ein Sclav des ewigen Schicksals ebenso zu beklagen und weder zu verwünschen noch zu verachten, als Prometheus thut. Die erste Hand, welche Leßing meynte, war vermutlich Aeschylus.
To be, or not to be? That ist the question. - Seyn ist freylich das Ein und Alles jedes Dings. Aber das to On der alten Metaphysik hat sich leider! in ein Ideal der reinen Vernunft verwandelt, deßen Seyn und Nichtseyn von ihr nicht ausgemacht werden kann. Ursprüngliches Seyn ist Wahrheit; mitgetheiltes ist Gnade. Nichtseyn, ein Mangel, auch wol ein Schein von beyden, über deßen mannigfaltiges Nichts sich Einheit und Mittelpunct aus dem Gesicht verliert. So gieng es Sp., und vielleicht L. Ueber des ersten System bin ich nicht eher imstande meine Herzensmeynung zu sagen, bis ich selbiges ein wenig näher selbst kennen werde. Was den letzteren anbetrift, so beruhigt mich sein letztes Geständnis, vermöge deßen dies sein gewesenes Lieblingssystem, das vermuthl. in seinem Kopf eine gantz andere Gestalt als im Cartesianischen u Jüdischen gehabt; ihm selbst nichts erklärt hat sondern ihm am Ende nichts als die Substitution einer Formel für die andere zu seyn schien, wodurch man auf neue Irrwege geräth ohne dem Aufschluß näher zu kommen.
Die Metaphysik hat ihre Schul- und Hofsprache; beyde sind mir verdächtig, und ich bin weder imstande sie zu verstehn noch selbst mich ihrer zu bedienen. Daher ich beynahe vermuthe. Daß unsere ganze Philosophie mehr aus Sprache als Vernunft besteht, und die Mißverständniße unzähliger Wörter, die Prosopopöee der willkührlichsten Abstractionen, die Antithesen thV yeudwnumou gnwsewV, ja selbst die gemeinsten Redefiguren des Sensus communis haben eine ganze Welt von Fragen hervorgebracht, die eben mit so wenig Grund aufgeworfen, als beantwortet werden. Es fehlt uns also noch immer an einer Grammatik der Vernunft, wie der Schrift und ihrer gemeinsamen Elemente, die durch einander gehen, wie die Sayten auf dem Psalter durcheinander klingen, und doch zusammen lauten.
Gott, Natur und Vernunft haben eine so innige Beziehung auf einander wie Mittelpunct, Radius und Peripherie jedes gegebenen Circuls, oder wie Autor, Buch und Leser. Wo liegt aber das Räzel des Buchs? In seiner Sprache oder in seinem Inhalt? Im Plan des Urhebers oder im Geist des Auslegers? - Doch meine crassa Minerua hat mehr Lust zu kälbern, als weiter zu pflügen -
 
 
(Hamann vollendet diesen Brief fünf Tage später. Das weitere hat jedoch nicht unmittelbar mit dem hier Wiedergegebenen zu tun und ist deshalb fortgelassen.)