Versuch einer Sibylle über die Ehe (1775)

Versuch
einer
Sibylle
über
die Ehe.

 
Komm ich als ein Geist zu dir,
So erschrick nur nicht vor mir.

1775.

- - Primo auolso non defuit alter
Aureus, & simili frondescit virga metallo
Ergo alte vestiga oculis & rite repertum
Carpe manu - - - - -

 
Verstopfen Sie nicht, empfindseliges Brautpaar! Ihr für die Zauberkunst der Harmonie1 geöffnetes Ohr, die Stimme einer Sibylle zu hören, die trefflich wahrsagen kann. Wundervoll, wie die Liebe, und geheimnisreich, wie die Ehe, sey mein Unterricht!
Ich sehe in Ihren zärtlichen, vertraulichen Blicken den kleinen tiefsinnigen Gott der Liebe, der mit sich selbst zu Rath geht, über das Meisterstück seiner Werke, das er beym Ausgange aller Entwürfe, Eroberungen und blinden Ebentheuer im Schilde führet und welches darauf hinausläuft: Laßt uns Menschen machen, ein Bild, das uns gleich sey -
Eine Welt von Kleinigkeiten, die es aber nicht in den Augen der Verliebten sind, gehört immer zum Voraus dazu, ehe es zur Ausführung jenes göttlichen Einfalls kommt, der ebenso wenigen zu gerathen scheint, als der erste ursprüngliche Versuch dieser Art.
Der Mensch ist vorzüglich ein GOTT der Erde, durch seine Bestimmung der Schöpfer, Selbsterhalter und Immer-Vermehrer Semper Augustus seines Geschlechts zu seyn. Zwar ist dies Göttliche der ganzen sichtbaren Haushaltung einverleibt, und eine Entwicklung des am Anfange ausgesprochenen Seegens; doch ist kein einziges unserer Nebengeschöpfe für einen überlegten und freywilligen Rathschluß oder einen Bund und gesellschaftlichen Vergleich zu dieser Absicht gemacht: so wie keines einer größeren Ausbildung fähiger ist und selbige nöthiger hat als der Mensch.
Woher kommt es nun, daß wir uns jener2 Gleichheit mit GOTT als eines Diebstalls oder Raubes schämen? Ist nicht diese Schaam ein heimlicher Schandfleck unserer Natur, und zugleich ein stummer Vorwurf ihres herrlichen, allein weisen und hochgelobten Schöpfers? -
Ein angeborner, allgemeiner Instinct ist es nicht, wie aus dem Beyspiele der Kinder, Wilden und cynischen Schulen zu ersehen; sondern eine angeerbte Sitte, und alle Sitten und Gebräuche sind bedeutende Zeichen und Merkmale zur Erhaltung urkundlicher Begebenheiten und Fortpflanzung conventueller Gesinnungen eingesetzt.
Die Ehe ist also ein vermöge eines gefaßten Rathschlußes aufgerichtetes Bündnis, und auf Vernunft und Treue gegründet. Daher ist es Klugheit und Ehrlichkeit, "um der gegenwärtigen Noth willen"3 an einen solchen Rathschluß und Bund gar nicht einmal zu denken. Am allerwenigsten lohnt es der Mühe in einem Staate, wo der Codex ein güldener Coloß4 ist, sechzig Ellen hoch und sechs Ellen breit, und die Sanctio aller Gesetze ein glühender Schmelzofen, siebenmal heißer für Seelen von altem Schroot und Korn, in denen kein Falsch ist5.
Weil der Ehstand der köstliche Grund- und Eckstein der ganzen Gesellschaft ist: so offenbart sich der menschenfeindliche Geist unsers Jahrhunderts am allerstärksten in den Ehgesetzen6. Wenn es aber Barmherzigkeit von Seiten der Gesetzgeber seyn soll7, der Verstockung des menschlichen Herzens zu Gefallen, öffentliche Sünden und Laster zu privilegiren: so ist es die höchste Gerechtigkeit von Seiten des Weltrichters, die Schänder seiner Majestät einem paraphysischen Misbrauch ihrer eigenen Leiber8 zu übergeben -
Es wäre freylich! nichts wohlthätiger für das menschliche Geschlecht und die bürgerliche Gesellschaft seyn, als jenem Ideal der Heiligkeit für den Ehstand nachzustreben, die der große Erfüller des mosaischen Rechts und der Propheten wiederhergestellt und als ein Reichsgesetz des Himmels und seiner neuen Erde auf jenem Berge der Seeligkeiten gepredigt hat: "Wer ein Weib ansieht9, ihr zu begehren, der hat die Ehe mit ihr gebrochen - und wer sich von seinem Weibe scheidet - und wer eine abgescheidete freyet, sind Ehebrecher" - Moses hat nemlich "geboten solche zu steinigen"10 und sein Gesetz konnte nicht wie der Scheme unserer zeitigen Moral und ihrer eiteln Prediger aufgelöst, sondern mußte erfüllt werden, als ein festes prophetisches Wort11 -
"Das Geheimnis ist groß12! - GOTTES Ebenbild und Ehre, der Mann, und deßen Ehre, das Weib" - Das heißt: Der Mann verhält sich zu GOTT, wie das Weib zum Manne, und wo diese Drey Eins sind, wird das Weib durch Kinderzeugen selig13, und der Mann des Leibes Heiland."
Alle Mysterien des Hymens sind daher dunkle Träume die sich auf jenen tiefen Schlaf beziehen, worin die erste Männin zur Welt kam14, als ein beredtes Vorbild für die Mutter aller Lebendigen. - -
Doch mein Versuch soll demjenigen nicht nachbulen, den jener Nordbritte15 mit der spukenden Ziffer16 über mein Geschlecht, und ein gelehrter, witziger Kauz seines Vaterlandes17 über meinen Gegenstand geschrieben haben. Ich bin auch so wenig eine gelehrte Vestalin, als ich eine Vettel Baubo18 seyn mag weder à la Grecourt, noch à l'enseigne de Barby. -
Was ist alle Fruchtbarkeit im Busen und Schooße eurer Allmutter19, zum Genuß ihrer Früchte und ihres Staubes geborne und verdammte Seelen! Was ist die taube Freude20 eures Geschmacks und der laute Kützel eures Witzes? - Vermummte Traurigkeit und Verzweifelung21, und all euer Gesuch eine Beute des schwarzen, reichen Höllengotts, wie die kluge Fabel der Ceres und ihrer Tochter erzählt.
Vielleicht hören Sie, empfindseeliges Brautpaar! eben so gern ein kurzes mythisches Mährchen meines eigenen Falls, und wie ich Einem unter Tausenden, von Taubeneinfalt und Schlangenlist die geheime Weisheit einer Sibylle zu verdanken habe - Sein erster Kunstgriff war, sich selbst in meinen Augen abscheulich zu machen, und hierinn gelung es ihm so gut, daß er sein ganzes Geschlect mir bald verächtlich und ekelhaft vorkam. Wie wurde ich aber für meine undankbare Eitelkeit und übermüthige Schadenfreude, auf Kosten meines Verführers altklug geworden zu seyn, abgestraft, als der Spiegel seiner Aufrichtigkeit einen Wiederschein auf mein eigenes Herz zurückwarf, und ich darinn die Hemisphäre meines Geschlechts in naturalibus zu erkennen anfieng. Durch diesen Feuerstrahl der Selbsterkenntnis wurden alle schöne Beywörter kohlschwarz, gleich den Farben, vom Schwamme der Nacht ausgelöscht. - - Ueberführt, daß ein vernünftiges Thier, nach der Analogie des gantzen animalischen Reichs, die rauche Seite seines Fells von Rechts wegen auswendig tragen sollte, hielt ich nunmehr alle ehrbare, schmachtende, entzückte Liebhaber für Wehrwölfe, kriechende Widersacher und geistige Ungeheuer, die Milch und Honig auf der Spitze der Zunge, aber Gift und Galle in den Schatzkammern22 des Herzens führen.
Diese Katastrophe meiner ganzen Denkungsart wurde die Grundlage einer Sympathie, die schnell zur Identität ihres Gegenstandes sich erhub. Alle Stärke einer männlichen Seele schien in die meinige überzugehen, unterdeßen durch die Gegenwirkung meiner Leidenschaft seine Seele nichts als kindische und weibische Lüsternheit zu athmen schien. -
Todter und unfruchtbarer Wohlstand, scheinheiliger Pharisäer unsers Jahrhunderts! Deine moralische und bürgerliche Vorurtheile, und der hohe Geschmack oder Tand ihrer Verdienste ist nichts als Caviar des Leviathans, der hoch in den Wellen des Luftkreises23 herrscht - und die Schaamröthe eurer Jungfernschaft, ihr schönen Geister! Ist gallicanische Schminke, Kreide und Insektendotter; aber kein adlich angeborner Purpur eines gesunden, vom Himmel geschenkten und belebten Fleisches und Blutes. -
Ohne ein Schlachtopfer der Unschuld, bleibt das Kleinod und Heiligtum der Keuschheit unbekannt, und der Eingang dieser himmlischen Tugend undurchdringlich -
Mitten im Weyrauch eines Schlummers sah ich jene Ribbe - und rief voll begeisterter habseliger Zueignung? "Das ist Knochen von meinem Knochen24 und Fleisch von meinem Fleische." -
Wie sich ein Gemächte25 mit seinem Ursprung vereinigt, gieng er ein, wo er einst hergekommen war als des Leibes Heiland, und gleich einem treuen Schöpfer in guten Werken schloß er die Lücke der Stätte zu mit Fleisch, um die älteste Maculatur des menschlichen Geschlechts fernerweit zu erfüllen -
Ja, heute übers Jahr versprech ich Ihnen, gähnendträumendes Brautpaar! das Ende meines Mährchens, ohne annoch ein Postscript26 von Glückwünschen das Wahrzeichen meines Geschlechts zu bemänteln. Sie werden wol à priori errathen, daß mein gantzer Versuch ein Gericht Irrlichter ist, aus dem faulen Graben meiner benachbarten Wiesen gefischt.
Wenn ein Schaugericht gefischter Irrlichter, die gleich Abendsternen tantzen, sich wie ein Galimafree27 geniessen und verdauen liesse; so wäre meine Muse keine Sibylle, die ihr Medusenbild dem Busen einer Minerve weyht!

- ni docta comes tenuis sine corpore vitas
Admoneat volitare cava sub imagine formae
 

 
Johann Georg Hamann, Werke in sechs Bänden. Hg. v. Josef Nadler. Wien 1949-1957. Bd. 3, Schriften 1772-1788, S. 197-203.

 
1 y LVIII. 56.
2 Phil. II. 6.
3 1 Kor. VII. 26.
4 Dan. III. 1. 19.
5 Joh. I. 47.
6 Fecunda culpae secula nuptias
Primum inquinavere, et genus et domos:
Hoc fonte derivata clades
In patriam populumquefluxit.
Hor. III. Od. 6.
7 Math. XIX. 7.
8 Röm. I. 26. Thes. I. 26.
9 Math. V. 28. 32.
10 Joh. VIII. 5. X. 34. 35. Math. V. 17.
11 2 Petr. I. 19.
12 Eph. V. 32 1 Cor. XI. 7.
13 1 Tim. II. 15. Eph. V. 23
14 wV mh med' hmeran ta mustika thV jusewV ekteleisqai orgia. Clem. Alex. Paedag. II. p. 194. [Ort der Fußnote unsicher. In der Ausgabe Nadlers fehlt im Text das Fußnotenzeichen. A. R.]
15 Wilke.
16 No. 45.
17 "Über die Ehe."
18 Ouid Metam. - verit Baubo artes et quem serio non quibat allicere, ludibriorum statuit exhilarare miraculis - pubi affigit oculos Diua et inauditi specie solaminis pascitur. Arnobius adu. gentes Lib. V. p. 174. 175.
19 Horat. Lib. I. Ep. 2.
20 Eccl. II. 2.
21 Joh. XVI. 20-22. 2 Cor. VII. 10. Luc. VI. 25. 2 Petr. I. 16.
22 Matth. XII. 35.
23 Eph. II. 2.
24 Michaelis Übersetzung.
25 Joh. III. 31. Eccl. I. 7. III. 20. Joh. VIII. 14. 1 Petr. IV. 19. Michaelis und Luther.
26 S. "Über die Ehe".
27 Ein hier gedrucktes Stück auf eine verwandte Hochzeit von Hintz.