Friedrich Schlegel: Der Philosoph Hamann (1812)

 
So wie der Irrtum nur dadurch in die Welt gekommen ist, daß die Neigung und der Wille von ihrem ursprünglichen Gegenstande sich ablenkten und in eine niedere Region heruntersanken; so beginnt auch alle Wiederherstellung und Auferstehung der Wahrheit damit, daß der Mensch die verirrte Neigung wieder zurücklenkt zu dem ursprünglichen Gegenstande seiner Liebe, daß er aus allen Kräften nach der Wahrheit strebt, daß er von ganzem Herzen Gott und dessen Erkenntnis sucht.
Dieses tiefe Streben nach der Wahrheit, dieses innere Suchen Gottes und seiner Erkenntnis ist das eigentliche Wesen der Philosophie, welchen nach dem ursprünglichen Sinne des Wortes ja eine freie Liebe der Weisheit, nicht aber ein Lehrgebäude der Wissenschaft bedeutet.
Mitten unter einer zweiten Sündflut von Irrtum und einem Labyrinth von hochmütigen Vorurteilen hat das achtzehnte Jahrhundert doch mehrere merkwürdige und vortreffliche Suchende dieser Art besonders auch in Deutschland hervorgebracht, wie einzelne wegweisende Sterne in der Nacht des Wahns. Ich nenne statt aller andern nur Lessing, Lavater, und Hamann. Lessing an den Ort zu stellen, wohin er gehört, versuchte ich schon vor mehreren Jahren (Lessings Gedanken und Meinungen, III. Th. 8. 1804); wie es scheint nicht ganz ohne Erfolg. Da man ihn früherhin nur als einen Theaterdichter und scharfsinnigen Kritiker zu betrachten und zu bewundern gewohnt war, so fängt man doch nun an, hier und da gewahr zu werden, daß er als Wahrheitsforscher und Philosoph bei weitem merkwürdiger war als in jenen Beziehungen, und daß er eben als Philosoph höher steht und tiefer eingedrungen ist als viele berühmte Systembauer und Sektenstifter. Lavatern, von dem man fast nur seine physiognomischen und und andern literarischen Schwächen kennt, als christlichen Denker und Seher nach seinem ganzen Werte und Tiefblicke darzustellen, wie ich es lange wünschte, dazu wird sich schon noch eine günstige Gelegenheit finden. Hamann ist weniger berühmt geworden als beide. Es war ihm um den Ruhm des Schriftstellers durchaus nicht zu tun. Ganz nur beschäftigt, die Wahrheit und die wahre Weisheit zu erkunden und auszuspähen, teilte er was sein ahnender Geist erforscht und gefunden hatte, meistens in einzelnen witzigen Flugschriften ohne Namen mit, wie in zerstreuten sybillinischen Blättern, die hier und da dunkel waren durch die Fülle der Gelehrsamkeit und des Witzes, und durch die Tiefe der Bedeutung. Mit Lavatern stimmte er so weit wohl am meisten überein, daß auch ihm, das Christentum zu verstehen, für die einzige Philosophie galt. Sonst hat die ganze Art und Manier seines Geistes, und selbst seines Ausdrucks eine auffallende Verwandtschaft mit Lessings Wesen und Eigentümlichkeit. Diese Ähnlichkeit entspringt daraus, daß Witz und Tiefsinn, Scharfsinn und Gelehrsamkeit in den Schriften beider innigst vereint und gemischt sind. Der Geist und die grade Kraft, mit welcher Lessing nach der Wahrheit hinstrebte, sind bewundernswert; indessen ist er weit vom Ziele entfernt geblieben. Darin steht Hamann über ihm, wie er dann überhaupt an eigentlichem metaphysischen Tiefsinn beide genannten wohl weit übertrifft. Selbst Kant darf ihm, glaube ich, hierin nicht gleichgestellt werden. Überhaupt zeigt sich der wahre und reine Charakter des Philosophen viel deutlicher an solchen, die zunächst nur die Wahrheit selbst und ihre eigene Befriedigung im Auge haben, daher auch sich mehr rhapsodisch mitzuteilen, als eigentliche Systeme aufzustellen pflegen. Man kann wohl ohne Ungerechtigkeit nicht in Abrede sein, daß auch Kant die Wahrheit redlich gesucht, daß er wenigstens in dem dämmernden Raum zwischen der unerleuchteten Vernunft und der gemeinen Erfahrung mühevoll nach ihr herumgetappt habe. Aber ehe er noch selbst zur Auflösung und zu irgend einer Befriedigung gelangt, ehe er den Quellen der Wahrheit auch nur nahe gekommen war, wollte er schon meistern was er noch kaum verstanden hatte, und ein alles beherrschendes Lehrgebäude anmaßend aufstellen. Schon in diesem widerstreitenden Verfahren liegt ein zureichender Grund warum sein übrigens gutgemeintes Unternehmen so ganz mißraten ist; indem er, statt uns von der alles ergreifenden und zerstörenden Sophisterei für immer zu befreien, seine Anhänger fast noch tiefer hinein gestürzt hat. -
Einen ganz andern, als diesen breiten Vernunfttappenden Systemweg, auf welchem Kant seine große Geisteskraft verschwendet hat, schlug Hamann ein. Aber freilich ist der einsame Felsenpfad des Forschers grade zur Quelle hinauf, selten geeignet, auch zur allgemeinen Heer- und Landstraße für jedermann zu dienen. Was in die Tiefe eindringt, oder grade aufwärts strebt, das kann nur selten einer so allgemeinen Wirkung sich erfreuen, wie das was in die Breite sich ausdehnt, und auf der Oberfläche herrscht. Nur von sehr wenigen daher ward Hamanns Geist ganz nach seinem Wert verstanden und benutzt. Seine Schriften zum Teil sogar blieben zum Teil unbekannt, und eine vollständige Sammlung derselben gehört unter die literarischen Seltenheiten. In der letzten Zeit jedoch ist der Wunsch mehrmals kundgegeben worden, eine neue Ausgabe derselben zu besitzen.
Kaum sollte man glauben, daß es dazu einer besonderen Aufforderung bedürfte für Hamann, Kants siegreichen Mitkämpfer um die Wahrheit, Herders Lehrer, der mit Jacobi, Lavater und Claudius befreundet, auch von Lessingen in der Ferne verehrt ward; für einen Schriftsteller, der vielleicht der originellste, unstreitig aber einer der tiefsinnigsten und gelehrtesten war, welche das achtzehnte Jahrhundert in Deutschland hervorgebracht hat! - Aber man kennt ja den Strom der deutschen Literatur und sein Treiben; wie da alles Leichte obenauf schwimmt, das Beste und Edelste so leicht vergessen und heruntergerissen wird in den Strudel der allgemeinen Gedankenlosigkeit...

 
 
In: Deutsches Museum, hg. Friedrich Schlegel, III. Band, Erstes Heft, Wien 1813, S. 33-37.