Ernst Jünger: Das Abenteuerliche Herz (Auszug)

Drei Dinge gibt es, die Welle, die Wolke und die Flamme, die Schlüssel zu allen Formen sind. Daher hat es auch immer liebenswerte Kabbalisten gegeben, die gern auf jede Gesellschaft verzichteten, wenn sie nur in guter Ruhe in das Wasser, in die Luft oder in ein tüchtiges Kaminfeuer starren konnten. Drei Zustände gibt es, die Schlüssel zu allen Erlebnissen sind: den Rausch, den Schlaf und den Tod. Daher hat es auch nie an wilden Zechern des Lebens gefehlt, nie an den heiteren und düsteren Aristokraten des Traumes, nie an Kriegern, Landsknechten und Abenteurern, kurz nie an solchen, denen die ganze Welt der Arbeitgeber und -nehmer, der Krämer und des Geldes höchst gleichgültig ist. Möchten sie sich nie irre machen, nie über ihren Rang hinwegtäuschen lassen, denn sie sind es, aus deren Träumen jede Ordnung sich bildet und denen jede Ordnung wieder zum Opfer fällt. Die Ordnung selbst wird unnütz, sobald sich in ihr der große Traum nicht mehr verwirklichen läßt. Einer der tiefsten Träumer, Novalis, ein Deutscher:
 
Wenn man in Märchen und Gedichten
Erkennt die wahren Weltgeschichten,
Dann fliegt vor einem geheimen Wort
Das ganze verkehrte Wesen fort.
 
Merkwürdigerweise habe ich gerade bei Maupassant, diesem üppigeren Auge auf der naturalistischen Brühe, vielleicht eine der ausgezeichnetsten Ausführungen angetroffen, die sich über das Verhältnis des magischen Lebens zum logischen Denken machen läßt. Es handelte sich um einen kurzen Aufsatz über den Äther, von dem ich damals eine Übersetzung anfertigte, die mir aber inzwischen verlorengegangen ist.
Wenn ich mich recht entsinne, schilderte er den seltsamen Zustand eines sich steigernden Rausches, eines sehr männlichen Rausches, während dessen eine Reihe der scharfsinnigsten Überlegungen angestellt wurde. Die Thesen und Antithesen waren jedoch nicht in Worte und Sätze gefaßt, sondern vertraten sich durch Stimmen, die als eine Art von brausender Musik wahrgenommen wurden. Es traten jeweils mehrere Stimmenpaare gegeneinander an, die sich nach der Erschöpfung der verwegensten Möglichkeiten endlich unter einem starken Lustgefühl miteinander vereinigten. Aus dieser Vereinigung brachen neue, tiefere Stimmen hervor, um dasselbe Thema in eine dunklere Schicht hinunterzutreiben, und so setzte sich dieses geheimnisvolle Spiel in einer ungeheuren Architektonik von Stufungen fort. Mit dem Gehalt an Wahrheit und Gültigkeit wurden die Stimmen tiefer, und im gleichen Maße wuchs das Gefühl der Lust. Auf jeder Stufe wurden die Schlüsse wesentlicher und vielsagender und doch zugleich einfacher. Endlich blieb bei diesem Absturz in den Brunnen der Erkenntnis eine einzige Stimme zurück, ein dunkles Gemurmel, das sich dem absoluten Punkte, der Zone der Urworte zu nähern schien. Und als nichts mehr zu denken, nichts mehr aufzuschließen blieb, schwieg auch sie. Es wurde still; die letzte Lust und die letzte Erkenntnis schnitten sich in der Bewußtlosigkeit.

Tritt bei diesem Zustand nicht die Rolle der Gedanken sehr einleuchtend hervor? jene Rolle, deren Einsicht Hamann veranlaßt, das Denken ein Kleid der Seele zu nennen, und Rimbaud, den Vokalen ein verborgenes Leben zuzuschreiben, das den Worten eine unergründliche Bedeutung verleiht? Es ist ein Denken ohne Gedanken, die Sensation des Denkens, die hier geschildert wird. Gedanken sind bunte Frachten, die auf dunklen Wassern schwimmen, und alles Wissensgut hat etwas sehr Zufälliges, sehr Aufgelesenes. Es wird durch die Plätze, bei denen wir anlegen, und durch das, was dort gerade vorrätig ist, bestimmt. Einmal eingeladen jedoch, macht es die Strömung und Stauung des Flusses, seine Windungen, Wirbel und Tänze mit. Vom Strome des tieferen Lebens, der ihn trägt, und nicht durch sich selbst erhält der Gedanke seine Feinheit, Wucht und Gefährlichkeit. Daher ist es auch von hohem Wert, daß alles, was auf der Welt an Gedanken vorhanden ist, in Deutschland noch einmal durchdacht, das heißt, auf deutsche Schiffe geladen wird. Und daher besitzt auch alles, was durch Denken entstanden ist, einen mittelbaren Lebens-, also Kampfwert, insofern es von einer kriegerischen Grundhaltung zur Rüstung verwandt werden kann. Ein Beispiel ist die Technik, in der nicht die kleinste Erfindung gemacht werden kann, die nicht ihr verborgenes potentiel de guerre besitzt. Ihre Sprache klingt grundverschieden, je nachdem, ob es der Händler oder der Krieger ist, der sich ihrer bedient.

 
Ernst Jünger. Sämtliche Werke. Band 9. Das Abenteuerliche Herz. Klett-Cotta, Stuttgart 1979.
Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung des Verlags.
Direktbezug bei Klett-Cotta im Internet: Ernst Jünger: Das Abenteuerliche Herz.