Georg Wilhelm Friedrich Hegel: Hamanns Schriften (Auszüge)

Hamanns Schriften haben nicht sowohl einen eigentümlichen Stil, als daß sie durch und durch Stil sind. In allem, was aus Hamanns Feder gekommen, ist die Persönlichkeit so sehr zudringlich und das Überwiegende, daß der Leser durchaus allenthalben mehr noch auf sie als auf das, was als Inhalt aufzufassen wäre, hingewiesen wird. An den Erzeugnissen, welche sich für Schriften geben und einen Gegenstand abhandeln sollen, fällt sogleich die unbegreifliche Wunderlichkeit ihres Verfassers auf, sie sind eigentlich ein - und zwar ermüdendes - Rätsel, und man sieht, daß das Wort der Auflösung die Individualität ihres Verfassers ist; diese erklärt sich aber nicht in ihnen selbst.
[...]
Indem Hamanns Glaube eine positive Grundlage zur Voraussetzung behielt, so war dieselbe für ihn zwar ein Festes, aber ein Göttliches , weder ein äußerlich vorhandenes Ding (die Hostie der Katholiken), noch eine als buchstäbliches Wort behaltene Lehrformel (wie bei dem Wortglauben der Orthodoxie vorkommt), noch gar ein äußerlich Historisches der Erinnerung; sondern das Positive ist ihm nur Anfang und für die Gestaltung, für Ausdruck und Verbildlichung wesentlich zur belebenden Verwendung. Hamann weiß, daß dies belebende Prinzip wesentlich eigener individueller Geist ist und daß die Aufklärerei, welche sich mit der Autorität des Buchstabens, welchen sie nur erkläre, zu brüsten nicht entblödete, ein flasches Spiel spielte, indem der Sinn, den die Exegese gibt, zugleich verstandener, subjektiver Sinn ist, welches Subjektive des Sinnes aber damals die Verstandesabstraktionen der Wolffschen Schule, welche Vernunft genannt wurden, wie nachher anderer Schulen waren.
So ist Hamanns Christentum eine Energie lebendiger individueller Gegenwart; in der Bestimmung des postitiven Elements bleibt er der freiste, unabhängigste Geist, daher für das am entferntesten und heterogensten Scheinende wenigstens formell offen, wie oben die Beispiele seiner Lektüre gezeigt haben. [...] Hamanns eigene geistige Tiefe hält sich dabei in vollkommen konzentrierter Intensität und gelangt zu keiner Art von Expansion, es sei der Phantasie oder des Gedankens; Gedanke oder schöne Phantasie, welche einen wahrhaften Gehalt bearbeitet und ihm Entfaltung gibt, erteilt demselben eine Gemeinsamkeit und benimmt der Darstellungsweise den Schein derjenigen Absonderlichkeit, welche man sehr häufig allein für Originalität zu nehmen pflegt.
[...]
Man sieht, daß für Hamann das Christentum nur eine solche einfache Präsenz hat, daß ihm weder Moral, das Gebot der Liebe als Gebot, noch Dogmatik, die Lehre und der Glaube an die Lehre, noch Kirche, wesentliche Bestimmungen sind; alles dahin Bezügliche sieht er für menschlich, irdisch an, so sehr, daß es nach Befund der Umstände sogar teuflisch sein könnte. Hamann hat ganz und gar verkannt, daß die lebendige Wirklichkeit des göttlichen Geistes sich nicht in dieser Kontraktion hält, sondern die Ausführung seiner zu einer Welt und eine Schöpfung und dies nur ist durch Hervorbringen von Unterscheidungen, dren Beschränkung freilich, aber ebensosehr auch ihr Recht und ihre Notwendigkeit im Leben des darin endlichen Geistes anerkannt werden muß.
[...]
Hamann hat sich seinerseits die Mühe nicht gegeben, welche, wenn man so sagen könnte, sich Gott, freilich in höherem Sinne, gegeben hat, den geballten Kern der Wahrheit, der er ist (alte Philosophen sagten von Gott, daß er eine runde Kugel sei), in der Wirklichkeit zu einem Systeme des Staats, der Rechtlichkeit und Sittlichkeit, zum Systeme der Weltgeschichte zu entfalten, zu einer offenen Hand, deren Finger ausgestreckt sind, um des Menschen Geist damit zu erfassen und zu sich zu ziehen, welcher ebeno nicht eine nur abstruse Intelligenz, ein dumpfes konzentriertes Wesen in sich selbst, nicht nur ein Fühlen und Prakktizieren ist, sondern ein entfaltetes System einer intelligenten Organisation, dessen formelle Spitze das Denken ist, das ist, seiner Natur nach die Fähigkeit, über die Oberfläche der göttlichen Entfaltung zuerst hinaus oder vielmehr in sie, durch Nachdenken über sie, hineinzugehen und dann daselbst die göttliche Entfaltung nachzudenken: eine Mühe, welche die Bestimmung des denkenden Geistes an und für sich und die ausdrückliche Pflicht desselben ist, seitdem Er sich selbst seiner geballten Kugelgestalt abgetan und sich zum offenbaren Gott gemacht, [...] so poltert er [Hamann] ganz nur so, um das Wort zu sagen, ins Gelag und ins Blaue hinein gegen das denken und die Vernunft überhaupt, welche allein das wahrhafte Mittel jener gewußten Entfaltung der Wahrheit und des Erwachsens derselben zum Dianenbaum sein können. Er muß so auch noch mehr dies übersehen, daß seine, obleich orthodoxe Konzentration, die bei der intensiven subjektiven Einheit festblieb, in dem negativen Resultate mit dem, was er bekämpfte, übereinkam, alle weitere Entfaltung von Lehren der Wahrheit und deren Glauben als Lehren, ja von sittlichen Geboten und rechtlichen Pflichten, für gleichgültig anzusehen.
 
G. W. F. Hegel: Hamanns Schriften. In: ders., Sämtliche Werke. Band XI: Berliner Schriften. Hamburg 1956, S. 221-294.