Zum Geleit

Der Königsberger Zollamtsverwalter, Publizist und Gelehrte Johann Georg Hamann (1730-1788), selbsterklärter Philologe (Liebhaber des Wortes) ohne akademische Würden, kritischer Zeit- und Tischgenosse Kants, befreundet mit Herder, Jacobi und anderen bedeutenden Autoren in der Epoche der Aufklärung, hat es (auch unter dem Namen eines Magus in Norden) seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts erneut zu leidlicher Berühmtheit gebracht. Zu den Diskussionen seiner Zeit trug er zahlreiche, meist kurze Abhandlungen oder Flugschriften bei: pseudonym, polemisch und ironisch, unter kalkulierter Verwendung von Anspielungs- und Chiffriertechniken, die die Lektüre seiner Texte mit allerlei Mühseligkeiten verbunden sein lassen.
Solche Mühen wurden dennoch, wie die auf diesen Seiten zubereiteten Bibliographien zeigen, häufig genug investiert. Und wenngleich dabei immer wieder festgestellt wurde, daß der Einzelgänger Hamann nicht immer leicht einer bestimmten Partei zugeordnet werden kann, so wurde er in den Historiographien zum 18. Jahrhundert und darüber hinaus doch mit einer Reihe von disziplinär bestimmten Entwicklungslinien zu erfassen versucht.
In der Literaturwissenschaft ist Hamann als Wegbereiter des Sturm und Drang, aufgrund seiner Bedeutung für Herder und Goethe, aber auch Jean Paul und die Romantiker eine feste Größe. In jüngerer Zeit wurde er zudem als avancierter Texttheoretiker und subversiver 'Anti-Autor' wahrgenommen.
In der Philosophiegeschichte kam Hamann im Kontext bestimmter Entwicklungslinien des deutschen Idealismus (von Jacobi zu Schelling, von Hegel zu Kierkegaard), sowie - im Gefolge des linguistic turn - in der Sprachphilosophie in den Blick. Im Gespräch mit Philosophen seiner Zeit, etwa Hume oder Kant, wird Hamanns Stimme als diejenige eines Kritikers jeglicher Metaphysik zunehmend wahrgenommen und diskutiert.
Die evangelische Theologie schließlich, der die ‚Hamann-Renaissance' der vergangenen fünfzig Jahre wesentlich zu verdanken ist, entdeckte Hamann in zahlreichen Beiträgen als genuinen Erben paulinisch-lutherischer Traditionslinien des Christentums im 18. Jahrhundert. Die zahllosen offenen und versteckten Bibelzitate machen dieses Christentum zu einer unübersehbaren Größe von Hamanns Texten.
Verstärkte internationale Bemühungen der letzten Jahrzehnte haben zu einem facettenreichen und differenzierten Hamannbild geführt. Traditionelle Zuschreibungen wie diejenige vom Irrationalisten oder Gegenaufklärer Hamann sind - auch auf dem Hintergrund der Wandlungen des Epochenbildes Aufklärung seit den 1980er Jahren - eher die Ausnahme geworden. Eine Reihe von wichtigen Schriften Hamanns ist durch Kommentarbände erschlossen. Die Internationalen Hamannkolloquien boten eine kontinuierliche Gesprächsbasis für die planvolle Beschäftigung mit dem Hamannschen Oeuvre, das zunehmend auch als Kreuzungspunkt zeitgenössischer Entwicklungen verstanden wird. Die stetig wachsende Zahl der Publikationen über Hamann verdeutlicht das Interesse am 'Magus in Norden'.
Die Hamann-Homepage entstand im Jahr 2000 auf Anregung des langjährigen Hauptorganisators der Internationalen Hamann-Kolloquien, Prof. em. Dr. Bernhard Gajek (Regensburg) als begleitendes Projekt zu einer von Prof. Dr. Manfred Beetz betreuten Hamann-Dissertation an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Ihr Herzstück bilden die beiden umfangreichen Forschungsbibliographien. Um Unterstützung in Form von Zuspruch, Beiträgen und Informationen wird gebeten.

Andre Rudolph (a.rudolph@izea.uni-halle.de)